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Zwangsgedanken: Die Gewalt, der Tod und ich

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Ruuqo

Anfänger

  • »Ruuqo« ist männlich
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Zwangssymptome: Zwangsgedanken

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

Hobbys: Sportschießen, Games

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1

Freitag, 15. Januar 2016, 07:08

Die Gewalt, der Tod und ich

(Teil 1, da Nachricht zu lang. Teil 2 folgt in den Kommentaren)
Hallo an das Forum,
ich habe diese Seite durch Zufall entdeckt und war froh, als ich einen recht 'frischen' Beitrag gefunden habe und das Forum noch nicht tot ist und möchte gerne meine Situation beschreiben.
So weit ich ein bisschen gestöbert habe ist mir aufgefallen, das manche Zwangsgedanken haben.
Ich ebenfalls... von Gewalt und Tod. Allerdings ohne sexuelle Aspekte. Es erregt mich zwar, aber nicht sexuell.

Meine Gedanken drehen sich darum möglichst vielen Menschen auf möglichst qualvolle Weise zu verletzen und/ oder zu töten. Soweit ich mich erinnern kann, begann dies im Alter von ungefähr 6 Jahren. Damals malte ich mir meine Fantasiewelt mit Fantasiefiguren aus, welche grausame Dinge taten... mit der Zeit wurde aus der Fantasiewelt die reale Welt und aus den Figuren meine Mitmenschen und ich.
Die Gedanken wurden stetig intensiver, ich war in der Schule (laut Lehrer) nur körperlich anwesend, alles um mich herum schirmte ich ab...als ob ich unter einer unsichbaren Kuppel gesessen hätte. Ich 'träumte' davon, meine Mitschüler zu fesseln, sie langsam aufzuschneiden und auszuweiden, Lehrern eine Waffe an die Stirn zu halten und genüsslich abzudrücken.
Ich habe niemandem davon erzählt, auch nicht dem Therapeuten den ich wegen familiären Problemen aufsuchte. Es hieß ich sei unkonzentriert, abwesend und bekomme nicht viel mit. Vergesse dadurch einiges und meine Schulnoten würden dadurch in den Keller sinken.
Aber ich war nicht unkonzentriert... es interessierte mich nicht mehr. Egal wo ich war, meine Gedanken kreisten darum, an dem momentanen Standort möglichst vielen Schmerzen zuzufügen und es meiner Umgebung anzupassen.
Als ich meine Ausbildung zum med. Fachangestellten begann, sah ich gefesselt zu, wie meine Kollegen große Wunden versorgten und wartete auf Schmerzensrufe. Wenn Kinder geimpft wurden oder Blut abgenommen wurde, genoss ich deren Gekreische und grinste in mich hinein.

Nebebei besserten sich die Familienkonflikte nicht und ich plante einen Suizid, welcher verhindert wurde.
Wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich wirklich vom Parkhaus gesprungen wäre...ich denke eher, dass es ein Hilfeschrei war.

Zur Folge hatte eine stationäre Therapie in einer Jugendklinik, welche 6 Monate dauerte.
Dort erzählte ich erstmals von meinen Gedanken. Wie sehr ich es genoss, wenn andere leideten und wie fasziniert ich von dem SEK der Polizei war und heute noch bin. Das SEK spielt nicht seit meiner Kindheit oder frühen Jugend eine Rolle, es kam erst hinzu seitdem ich ca 16 oder 17 war. Meine Faszintion grenzte schon an Besessenheit und wenn ich eine extreme Phase der Gedanken hatte, spielte das EInsatzkommando immer irgendwo eine Rolle.
Ich erzählte meiner Therapeutin, dass es für mich sozusagen eine Ehre wäre, durch das SEK mit einem finalen Rettungsschuss erschossen zu werden... egal was ich dafür hätte tun müssen und das ich mir so einige Szenarien ausgemalt und Pläne geschmiedet habe. Ich hätte somit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen... Menschen verletzen und/ oder töten und evtl. ein finaler Rettungssschuss.
Ich erzählte ihr auch, dass ich nicht wüsste, ob der Tod durch das SEK eine Flucht vor den Konsequenten einer Tat sei, oder ob mein Kopf es als "krassen Abgang" vorsäuselte.

(Fortsetzung folgt)
Wenn du dich zwischen zwei Dingen nicht entscheiden kannst, dann wirf eine Münze.
Noch während sie in der Luft ist, wirst du merken auf was du hoffst.

Ruuqo

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2

Freitag, 15. Januar 2016, 07:10

(Teil 2)

Während ich erzählte, hatte ich große Angst vor irgendwelchen Konsequenzen... das ich eine zu große Gefahr für mich und andere darstelle und man mich ''wegsperrt''... aber ich musste es ihr erzählen, ich habe in meinem ganzen Leben nicht einmal irgendeinem Menschen oder einem Tier wehgetan und ich wollte und will, dass es so bleibt. Mein "gesunder Menschenverstand" kämpft(e) gegen die Gedanken an. Nachdem wir uns etwas "kennengelernt" hatten, sagte sie das ich ein sehr hilfsbereiter Mensch bin, immer freundlich bin und man als Außenstehender nie auf die Idee kommen würde, was in meinem Kopf vorgeht.

Andere Jugendliche auf meiner Station bekamen einen Gedankenschub (so nenne ich persönlich einen starken Moment der Zwangsgedanken) von mir mit und fragten was los sei. Ich erzählte ihnen eine harmlose Version (zB. "Wenn du die Treppe runterläufst, stelle ich mir vor, wie ich dich runterstoße und du dir ein paar Knochen brichst"), dennoch hielten sie in Zukunft Abstand, was mich traurig machte, da man sich vorher gut verstanden hat.
Aus der Thrapie ging hervor, dass ich nicht mehr zu meiner Familie ziehen durfte und bin mit 18 in eine betreute Wohngruppe gezogen. Dort wurden meine Gedanken zwar akzeptiert, aber in der ersten Zeit schloss mein Mitbewohner nachts sein Zimmer ab, weil er dachte ich würde plötzlich vor ihm stehen und ihm im Schlaf die Kehle durchschneiden. Einerseits stimmte mich das traurig, ich hatte schließlich niemandem etwas getan, noch nie. Ich habe jedem geholfen, wo ich nur konnte. War höflich und zuvorkommend und das bis heute. Andererseits gab es einen Teil in mir, der es genoss, das andere Angst vor mir hatten...

Nachdem ich eine neue Ausbildung begonnen hatte, bin ich dort ausgezogen und lebe nun alleine.
Die erste Zeit verlief alles ganz gut, meine Gedanken waren nicht mehr so extrem und real, ich hatte eine Freundin die mir unter die Arme griff und mir half mit so einigem zurecht zu kommen. Sie hatte keine Angst vor mir oder meinen Gedanken, im Gegenteil. Sie fand es sehr interessant und es tat mir gut, sich alles mal frei von der Seele zu reden, ausserhalb einer Therapie. Dennoch fing alles langsam wieder an. Ich machte abermals eine Therapie (ambulant), welche aber nicht half.. eines Tages waren meine Gedanken so extrem, dass ich mir sagte "Wenn ich jetzt nicht was unternehme, werde ich morgen losziehen und Menschen töten..." also eilte ich zu meiner Therapeutin und erzählte ihr, was los war. Ich hatte enorme Schweißausbrüche, zitterte und war sehr nervös. Ich musste mich zwingen an Ort und Stelle zu bleiben, um nicht wieder abzuhauen.
Meine Therapeutin telefonierte und ich wurde in eine geschlossene Anstalt gebracht. Dort bekam ich ein Einzelzimmer und Beruhigungsmittel. Nach 3 Tagen habe ich mich selbst entlassen, weil ich es dort nicht mehr ausgehalten habe. Die Ärzte haben mir Antidepressiva verschrieben, welche ich aber wieder absetzte da es nichts brachte...

Dann ging es wieder eine ganze Weile gut, denn ich hatte mir Haustiere zugelegt. Sie gaben mir halt und ich hatte etwas worum ich mich kümmern musste, Verantwortung übernehmen musste. Aus der Freundschaft zwischen meiner besten Freundin und mir entwickelte sich eine Beziehung und endlich blühte ich mal richtig auf. Meine Gedanken waren zwar da, aber ich schob sie beiseite, denn ich hatte meine Tiere, meine Ausbildung, meine Partnerin und meine Wohnung um die ich mich kümmern musste. Leider nicht für allzulange Zeit...
Im Juni 2015 gab es an meiner Schule einen Amokalarm. Die Klassen (darunter auch meine) bekamen nichts davon mit, da es keinen direkten Alarm gab. Auch keine Durchsage oder ein Codewort für die Lehrer, damit man die Klassen abschließt oder ähnliches. Dementsprechend war die Überraschung groß, als ich beim verlassen auf einmal dem SEK in die Arme lief. In dem Moment explodierten meine Gefühle und meine Gedanken. Ich freute mich wie verrückt, hatte aber gleichzeitg Panik und mein Kopf brüllte "Gottverdammte Sche*sse, ja! Wo ist der Amokläufer? Lasst ihn sie alle niederballern!", blutige Klassenräume mit toten Schülern rasten an meinem inneren Auge vorbei und Adrenalin mit Freude stieg in mir auf. Ich musste an mein damaliges Gespräch mit meiner Therapeutin denken (mit dem SEK) und es war so als ob alle Gedanken, die ich so lange verdrängt hatte auf einen Schlag wieder da waren und das ziemlich heftig. Ich spielte mit dem Gedanken ein Messer zu ziehen und einige Fehler zu begehen, aber ich konnte mich zusammenreissen, mich sammeln und bin nach Hause gefahren.
Noch ein paar Tage vorher habe ich noch gedacht "hey, ich komme trotz Gedanken gut klar". Meine Gedanken waren natürlich immer da, aber sie beeinflussten mich nicht mehr so extrem. Doch nun fing es wieder an, bis heute. Nicht direkt nach dem Vorfall in der Schule, ein paar Wochen danach begann es schleichend.
Meine Schweißausbrüche begannen wieder, ich zitterte und malte mir die schlimmsten Sachen aus.
Meine Ausbildung litt sehr darunter, es hagelte ständig Ärger, da ich irgendwelche Fehler gemacht habe, die ein Praktikant nach 2 Wochen macht..aber doch kein Azubi im 3. Lehrjahr. Ich vergas sehr viel, war nicht bei der Sache. Meine Kollegin sagte "Mach das jetzige zu Ende, danach machst du dies oder jenes." und ich wusste nach 2 Minuten nicht mehr was ich später hätte tun sollen. Ich musste fragen, wie man bestimmte Dinge macht, was ich früher im Schlaf gemacht habe. Klar, nervt das die Kollegen und das Arbeitsklima ist im Keller.
Nach einer Weile vertraute ich mich meinem Chef an, natürlich eine schwache Version meiner Gedanken und er zeigte sich verständnisvoll. Seitdem ist das Arbeitsklima auch wieder wesentlich angenehmer, aber mein Kopf spielt verrückt... ich kann mich nicht mehr konzentrieren, geschweige denn schlafen. Ich habe dieses Jahr meine Abschlussprüfung und sehe es schon kommen, dass ich total versage. Natürlich will ich das nicht, aber ich will auch nicht wieder in die geschlossene Klinik. Denn das wird passieren, wenn ich wieder das Gefühl habe es nicht mehr kontrollieren zu können... selbstverständlich werde ich mich bei meinem Therapeuten melden, wenn es wieder so weit kommen sollte. Ich will natürlich niemandem wehtun.
Aber wer kümmert sich dann um meine Tiere? Sie sind alles was ich habe, alles was ich brauche und sie erleichtern es mir, wenn es im Kopf wieder losgeht... mitnehmen geht ja wohl schlecht.

Vielen Dank für's lesen und tut mir leid, wenn ich dem Leser seine Zeit geraubt habe ^^'
Ich öffne mich das erste mal Menschen gegenüber, denen es ähnlich geht und wusste nicht was genau ich schreiben sollte. Darum habe ich einfach alles geschrieben, was mir einfiel...
Ich würde mich über Meinungen und vllt sogar Tipps freuen.

Liebe Grüße!
Ruuqo
Wenn du dich zwischen zwei Dingen nicht entscheiden kannst, dann wirf eine Münze.
Noch während sie in der Luft ist, wirst du merken auf was du hoffst.

Jo

Anfänger

  • »Jo« ist männlich

Beiträge: 30

Zwangssymptome: Kontroll-; Gedanken

Medikament / Dosis: keine

Status: Betroffene/r

Wohnort: Hessen

Beruf: Techn. Angestellter

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3

Mittwoch, 20. Januar 2016, 16:20

Hallo Ruuqo,
danke und Respekt für deinen offenen Bericht. Welche Diagnose wurde denn bei dir gestellt?
Ein Tipp von mir wäre, dass du weiterhin stärkst was die gewünschte Seite in dir fördert. Einfühlungsvermögen, Mit-Empfinden mit dem Leid anderer. Ich finde z.B. ganz prima, dass du für Tiere sorgst.
Im Gegensatz dazu alles meiden was die unerwünschten Gedanken füttern könnte. So sind z.B. rohe Gewaltdarstellungen ein häufiger Bestandteil von Unterhaltung. (Filme, PC Games usw).
Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg in deinem Kampf!
Viele Grüße
Jo
(mir gefällt dein Signaturspruch)
Macht zu haben, bedeutet nicht, Recht zu haben.