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Schamber-hppt

unregistriert

1

Freitag, 14. September 2012, 14:11

Selbstbetroffener stellt sich als Therapeut vor

Hallo alle zusammen. Ich bin selbst Betroffener, seit meinem 15. Lebensjahr. Ich wollte schon von jeher Selbst-Betroffenen helfen. Habe jetzt meine Praxis als Heilpraktiker (Psychotherapie) neu eröffnet und hoffe, dass ich auf diesem Weg meine ganze Erfahrung auf dem WEg durch den Zwang hindurch bis zu meinem heutigen stabilen Gesundheitszustand an viele Leute weitergeben kann. Wenn ihr Lust habt, könnt Ihr Euch mal meine website anschauen, www.schamber-hppt.de und über diese Euch mit mir in Kontakt setzen. Drücke Euch Allen die Daumen beim Kampf gegen den Zwang. Mir gehts heute sehr gut. Liebe Grüße Jürgen

2

Freitag, 14. September 2012, 16:44

hallo,
mich würde interessieren,welche zwänge du im jugendlichen alter hattest, wie bzw. wodurch die zwänge bei dir angefangen haben und welchen behandlungsweg du dann gegangen bist. und natürlich, wie lange es gedauert hat und mit welchen methoden du deine zwänge in den griff bekommen hast.
ich habe eine zwangskranke tochter(16), die gerade 4 monate in einer klinik war, jetzt seit 4 wochen wieder zuhause ist und leider jetzt wieder genauso unter ihrer syptomatik leidet wie vor dem klinikaufenthalt.
während des aufenthalt schien es ihr deutlich besser zu gehen, aberdas hat nicht angehalten. wir stehen wieder am anfang.
sie hat sehr vielfältige zwänge: kontrollzwang, berührzwang, betrituale, zählzwang. kein wascgzwang.
sie geht nun wieder 2 mal die woche zu einer therapeutin, mit der sie schon vor der klinik gearbeitet hat; außerdem nimmt sie medikamente(anafranil/seroquel), von denen wir aber zunehmend das gefühl haben, daß sie nicht helfen.
im moment sind wir wieder ziemlich hilflos und verzweifelt, weil wir nicht wissen, was jetzt das beste für unsere tochter sein könnte.
vielen dank schon mal für deinen antwort und liebe grüße,
katja

Schamber-hppt

unregistriert

3

Sonntag, 16. September 2012, 14:49

Antwort an Karin

Hallo Karin. Es begann bei mir Alles damit, dass ich abends
vor dem Schlafengehen eine Anzahl von Stiften so hinrücken mußte, dass es für
mich genau so ok war. Damit drohte mir am nächsten Tag keine Gefahr in der
Schule. Ich war damals ganz starker Stotterer und wenn ich aufgerufen wurde,
war das für mich die Hölle. Und das machte ich dann einfach so, ritualmäßig,
war ja auch nichts Schlimmes, scheinbar. Meistens kam ich durch Zufall auch in
der Schule dadurch nicht dran, dachte ich. Als ich dann in die Lehre ging,
entstanden Depressionen und Ängste und ich mußte die Lehre nach einem
Vierteljahr beenden. In einem nachfolgenden BGJ (Berufsgrundbildungsjahr) ging
es mir gut. Die Ängste und die Zwänge waren kaum vorhanden. Nach dem BGJ ging
ich aufs Gymnasium. Dort ging es wieder los mit Ängsten und Depressionen, sowie
Zwangshandlungen. Ich weiß heute, dass die Zwänge mir dann geholfen haben diese
Ängste und Depressionen sicher zu strukturieren. Also waren sie damals ein
Überlebensmechanismus meiner Seele. Übrigens habe ich mein Stottern damals
besiegt, in dem ich einfach losredete und es ist mir egal, wer es hört oder
nicht. Heute ist es dadurch zum Glück nur noch sehr selten vorhanden. 1970 bis
1980 wurde die Ängste, die Depressionen noch mit anderen Medikamenten
behandelt. Es gab damals nur Tranquilizer. Die habe ich dann bekommen.
Aber... die haben mir die Welt einfach noch mehr zu gemacht... ich habe nichts
mehr gefühlt und lief wie im Nebel rum. Die Welt habe ich mir dann mit Zwängen
noch mehr stabilsiert wiederrum sozusagen. Das schaukelte sich damit immer
weiter hoch. Mittlerweile war ich damals bei 6 Stunden Zwangshandlungen in Form
von Reinigungszwängen, Kontrollzwängen pro Tag und im nachhinein ganz schlimmen
Zwangsgedanken angelangt. Ich habe trotz dieser zwei Jobs, Schule und
Zwangshandlungen, mein Abitur damals geschafft, zwar mit einer schlechteren
Note, aber ich habe es geschafft. Man war das ein Kampf. Dann begann ich ein
Studium der Elektrotechnik, weil ich eigentlich nicht richtig wußte, was ich wollte.
Dies lief nicht gut, wie Du Dir vorstellen kannst. 1986 kam ich dann, weil
nichts mehr ging und ich auch die Prüfungen nicht schaffte, in eine
Psychosomatische Klinik für ein halbes Jahr, auf Anraten meiner Hausärztin. Mir
gings dann gut, als ich nachhause kam von jetzt auf gleich innerhalb von zwei
Wochen wieder schlecht und alles war wie vorher. Das kenne ich also auch. Ich
habe mich dann zwei Jahre durchgekämpft, mittlerweile mit 8 Stunden
Zwangshandlungen pro Tag. Jeden Tag, mit zwei Rollen Toilettenpapier pro
WC-Gang bei einer Zeitdauer von zwei Stunden auf dem WC. Es war schlimm. Es gab
damals noch nichts Spezielles zur Behandlung von Zwängen, die Zwangskrankheit
galt noch als fast unbehandelbar bzw. unheilbar. Ich zog zuhause aus und suchte
mir einen Halbtags-Job. 1988 kam dann der erneute Zusammenbruch. Alles kostet
einfach zuviel Kraft. 8 Stunden Zwänge, manchmal mehr und der 20 Stunden-Job.
Wieder ein halbes Jahr in einer psychosoamtischen Klinik.

In dieser wurden allerdings die Zwänge nicht speziell behandelt, mußt Du Dir
vorstellen. Ich machte erneut die Erfahrung, dass die Zwänge von jetzt auf
gleich von selbst.... echt von selbst... verschwanden, weil ich in der
psychosomatischen Klinik meine Sicherheit hatte, wie ich heute im Nachhinein
weiß.

Als ich dann wieder dort rausging, nach einem halben Jahr Aufenthalt dort,
dasselbe Spiel, nach zwei Wochen gings mir genauso wie vorher. Bei mir spielte
allerdings auch eine Suchterkrankung meines Vaters (er war Alkoholiker seit
meinem 18. Lebensjahr) immer zuhause eine sehr belastende Rolle. Im Jahr 2000,
während meines trotzdem abgeschlossenen Sozialpädagogikstudiums und der
Aufnahme einer Vollzeitstelle, ging es mir abermals sehr schlecht. Es ging
einfach nix mehr. Ich war total leergebrannt, welches auch meine Ehefrau sehr
belastete. Ich holte mir Unterstützung bei einer Psychotherapeutin,
Psychiaterin, bei mir zuhause im Ort. Dies kannte die DGZ, Deutsche
Gesellschaft für Zwangserkrankungen und zeigte mir den Weg zu dieser. Ich sah
die Chance, welche ich hatte und dass es neue Behandlungswege nun für diese
scheinbar unbehandelbare Krankheit gab. Ich kämpfe mich durch, informierte mich
auch psychologisch/pädagogisch und begab mich nun in das
Alexianer-Krankenhaus in Münster/Westfalen auf die van Galen Station für 16
Wochen. Ich fuhr jeden Samstag vier Stunden nachhause, um Alles dort
auszuprobieren und natürlich auch meine Frau zu sehen und dann Sonntags wieder
vier Stunden mit dem Zug zurück. Dort hatte ich soviel Vertrauen zum
behandelnden Arzt Dr. Hoffmann, dass ich die neuen Medikamente, welche ich
schon bei der Psychiaterin vorher vergeblich probiert hatte, begann zu nehmen.
Mir ging es durch diese Medikamente, bis sie wirkten, drei Wochen lang so
schlecht, dass ich eigentlich nur durchhielt diese zu nehmen, weil der Arzt
mein vollstes Vertrauen von meiner Seite hatte, dass diese einen Sinn
hatten. Nach drei Wochen, von heute auf Morgen, fühlte ich mich dann
plötzlich total gut mit den Medikamenten. Ich nahm damals Zoloft, Inhaltsstoff
Fluvoxetin. Am Ende der 16 wöchentlichen Behandlung hatte ich mich unter
Anleitung von 8 Stunden Zwangshandlungen pro Tag befreit, in Form von
Exposition mit Reaktionsverhinderung.

Das Wichtigste war aber, dass wir auch darin geschult worden sind, selbständig
gegen die Zwänge, welche rückfallmäßig immer wieder zurückkommen, sofort
dagegen zu steuern, sobald die Zwänge noch klein sind, sozusagen. Ich habe dann
Zoloft erstmal weitergenommen, nach zwei Jahren routinemäßig weggelassen, weil
das damals noch die Experten-Meinung war und dann, nach einer sehr schlechten
Phase, neue Medikamente genommen, dieses Mal Paroxat, Paroxetin. Parallel dazu
nahm ich an einer Verhaltenstherapie teil. Die Pschologin hier bei uns arbeitet
auch mit Trance (Hypnose). Parallel dazu führte ich Yoga durch. Es tat mir
unheimlich gut. Ich beschloss daraufhin eine Ausbildung in einem Teilgebiet der
Yoga-Philosophie zu machen. Diese Ausbildung hat mich, was auch meine Absicht
war, zu mir selbst geführt. Ich weiß nun deutlich, wer ich bin. Auch sind meine
Gefühle, aufgrund der Verhaltenstherpie, wieder da, auf diese ich mich
jederzeit verlassen kann. Früher war dies ja Alles hinter den Zwängen vergraben
usw. Die Ausbildung hat ihren Schwerpunkt in der Wahrnehmung der eigenen
Gefühle und einer Entdeckung der eigenen Gefühlsspektren mit vielen
Gestaltanteilen. Diese ganze Erfahrung möchte ich allen Zwangsbetroffenen jetzt
gerne weitergeben, aus diesem Grund habe ich meine Praxis Heilpraktiker
(Psychotherapie) nach der staatlichen Prüfung beim Gesundheitamt jetzt
eröffnet. Was ich damit im Gesamten ausdrücken will ist, dass Deine Tochter die
Kraft haben muss ständig zu kämpfen und sich immer wieder selbst zu helfen.
Zwischendrin bin ich auch mal liegengeblieben, weil es nicht mehr ging. Aber
dann muss man immer wieder Aufstehen und weiter und weiter. Heute lebe ich ein
fast normales Leben. Mit Medikamenten noch zugegeben. Aber ich fühle mich gut.
Um richtig glücklich zu sein, habe ich jetzt noch vor meine Praxis aufzubauen.
Gruß Jürgen

4

Sonntag, 16. September 2012, 19:15

Psychotherapie durch Zwangskranken

Hallo,

dein Bericht über en Verlauf deiner Zwangsstörung habe ich mit Interesse gelesen. Kleiner Hinweis: Zoloft beinhaltet Sertralin, nicht Fluvoxamin.

Schilderung erinnert mich an die Einnahme von Adumbran bis Tavor u.a., die allerdings auch meinen Berufsweg stabil halten konnten trotz aller Wirrnisse. Es waren in den 70/80iger Jahren aber auch die Mittel der Wahl. Und außerdem galt, wie du ja auch schilderst, die Zwangskrankheit als unheilbar und weitergehend in der Literatur als schützende Vorstufe einer Schizophrenie. Ich finde es beachtlich, aber auch irgendwie typisch, daß du deiner Krankheit zum Beruf gemacht hat. Irgenwo zeigen sich hier Parallelen - ich habe im öffentlichen Diest auch einige Jahre mit Suchtkranken arbeiten müssen.

Alles Gute für deine Tätigkeit.