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Neurotikus

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Montag, 6. Februar 2012, 23:11

Zwangsstörung aus Sicht eines Betroffenen

Vorstellung

Ich bin 33 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder. Beruflich bin ich im Bereich „Forschung und Entwicklung von Mikroprozessorsystemen“ tätig. Nebenbei leide ich an aggressiven Zwangsgedanken (meine Kinder betreffend).

Motivation

Als ich vor einiger Zeit mich mit Zwangserkrankung zum ersten Mal auseinandersetzen musste, hat mich diese in einen Zustand versetzt, den ich als depressiv, ängstlich, verzweifelt, aggressiv und derealisiert beschreiben würde. Das einzige, was mir in dieser Zeit geblieben ist, war mein Wille, diese belastende Gefühlswelt zu verlassen. Somit begab ich mich auf die Suche, hauptsächlich im Internet, nach einer Lösung bzw. Hilfestellung. Zusätzlich besuchte ich einen Psychiater, um eine professionelle Unterstützung zu bekommen. Nach etwas längeren Zeit hat sich mein Befinden so weit stabilisiert, dass ich mich in der Lage fühlte, die ganze Situation aufarbeiten und kritisch hinterfragen zu können. Dadurch entstand die nachfolgende Analyse der Zwangsstörung, welche meine persönliche Sicht dieser Erkrankung widerspiegelt und hoffentlich einigen Menschen helfen kann.

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich betonen, dass die Ansichten, Empfehlungen und Betrachtungsweisen dieser Aufarbeitung rein subjektiver Natur sind und müssen deswegen nicht richtig sein!

[B]Eigene Persönlichkeit und Gedanken


Zu Anfang der Analyse möchte ich zwei Begriffe beschreiben, welche später zum Verstehen der Zwangserkrankung eine erhebliche Rolle spielen werden. Der frühe Zeitpunkt ist bewusst gewählt,
um einen fließenden Einstieg in meine Gedankengänge zu ermöglichen.

Alle Menschen stellen sich gelegentlich die Frage: „Was bin ich und was macht meine Persönlichkeit aus?“. Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zuerst mit einer anderen konfrontieren: „Wie entsteht eine Persönlichkeit?“. Die Neugeborenen kommen unbefleckt zur Welt, d. h. sie besitzen noch praktisch keine Informationen über die neue Realität, in welche sie hineingeboren wurden. Lediglich Instinkte, Reflexe und die Fähigkeit zum Lernen sind vorhanden. Die unmittelbare Umgebung des Kindes beeinflusst im Wesentlichen dessen geistige und körperliche Entwicklung, aber auch angeborene (vererbte) Stärken und Schwächen spielen eine wichtige Rolle. Der Lernprozess kommt hauptsächlich durch die Fähigkeit, bestimmte Handlungen, Verhaltensweisen und Emotionen (http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelneuron) nachahmen und diese später zur eigenen Gunsten einsetzen zu können. Entgegen der Meinung, dass die Formung eigener Charaktereigenschaften und somit der Denk- und Verhaltensweisen irgendwann abgeschlossen ist, bin ich davon überzeugt, dass dies ein ständiger Prozess ist, welcher solange in Kraft ist, bis man sich nicht mehr als eine Persönlichkeit wahrnimmt – wir sind anpassungsfähig und verändern uns ständig! Wir unterliegen somit auch als Erwachsene einem kontinuierlichen Wandel, wenngleich dieser nicht mehr so stark wie bei Kindern ausgeprägt ist.

Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also: „Unser “Ich“ ist die Spiegelung der vergangenen Ereignisse und der eigenen Umwelt (Land, Religion, Familie, Freunde, Job, Sport, etc.), gekreuzt mit der erlernten Fähigkeit, das Erlebte kritisch hinterfragen zu können“.

Viele Menschen gehen davon aus, dass sie den Inhalt eigener Gedanken kontrollieren können. Das ist meiner Meinung nach ein großer Irrtum. Alles was wir als Mensch mit unseren Sinnen wahrnehmen, sind Informationen, welche wir verarbeiten, analysieren und ordnen müssen, um überleben zu können. Diese Informationen und die entsprechenden Zuordnungen (richtig, falsch, gut, schlecht, kalt, heiß, lustig, traurig, etc.) müssen in unserem Gehirn mit einander verknüpft und abgespeichert werden. Zwar handelt es sich um ein komplexes Organ, der Speicherplatz würde aber bei Weitem nicht ausreichen, um alles einzeln ablegen zu können. Statt dessen arbeitet unser Denkorgan mit einem genialen Trick – er lässt uns assoziativ auf die gespeicherten Daten zugreifen und das in Form von Gedanken! Einpaar Beispiele dazu:

B1: Blick aus einem Fenster. Sommer. Sonne scheint.
Gedanken: „Ein schöner Tag! Sollten wir vielleicht heute grillen?“

B2: Man hört ein trauriges Musikstück.
Gedanken: „Schade, das meine Freundin so traurig ist. Wir sollten tanzen gehen, damit sie auf andere Gedanken kommt.“

B3: Man nimmt ein Schaumbad, um sich zu entspannen.
Gedanken: „Jetzt irgendwo am Meer. Das nächste Mal besorge ich mir Badesalz. Wie entstehen übrigens Seifenblasen?“

Man kann aus diesen Beispielen erkennen, dass die Reize unserer Sinnesorgane assoziativ zum bereits Gesehenen, Gehörten, Gefühlten oder Gelernten (Wissen) bestimmte Gedanken auslöst, welche wiederum als Auslöser anderer Gedanken fungieren können. Ein Gedanke ist deshalb ein Informationsträger, welcher in sich akustische und visuelle Daten aber auch Gefühlszuordnungen trägt. Wenn man bedenkt, wie komplex diese Vorgänge sind und von wie vielen Faktoren diese abhängen (z. B. momentane Gemütslage), wird ersichtlich, dass der informative Inhalt von Gedanken nicht kontrolliert werden kann.

Einige werden mir an dieser Stelle entgegnen: „Wenn wir den informativen Inhalt eines Gedankens nicht kontrollieren können, wie zum Teufel können wir dann gezielt an einer Problemlösung arbeiten oder überhaupt etwas zu Ende denken?“. Nun wenn wir nach einer Problemlösung suchen oder etwas analysieren, steht das Problem als Auslöser für unsere Gedanken da und durch assoziative Denkweise können wir die gewünschten Informationen in Form von Gedanken abrufen und diese verarbeiten. Wir sind durchaus in der Lage, den Gedankenfluss in eine notwendige Richtung zu lenken, nicht aber den Inhalt der auftretenden Gedanken innerhalb dieses Flusses voraussehen! Die Fähigkeit einen zielgerichteten Gedankenfluss erzeugen zu können, nennt sich Konzentration. Eine Konzentrationsschwäche entsteht, wenn dieser Fluss ständig durch Einschleichen von unerwünschten Gedanken abreist – man ist zu sehr durch andere Probleme abgelenkt.

Auf diese dargestellten Betrachtungsweisen der eigenen Persönlichkeit und des Denkens werde ich im weiteren Verlauf meiner Analyse immer wieder zurückgreifen.

Irreführung durch Begrifflichkeiten in der Psychiatrie

Immer wieder bin ich erstaunt, wie einige Wissenschaftler (bin ja auch einer) dazu neigen, einen einfachen Sachverhalt mit komplizierten Begriffen, Theorien und Erklärungsmodellen beschreiben zu wollen. Man denke hier nur an die Stringtheorie (auch wenn diese zugegebenermaßen kein gutes Beispiel ist; http://de.wikipedia.org/wiki/Stringtheorie). Die Praxis zeigt aber, dass vieles nicht so kompliziert ist, wie es vielleicht zu sein scheint. Natürlich neigen wir gelegentlich alle dazu – es dient ja schließlich auch dem Zweck, unsere mangelhaften Kenntnisse zu kaschieren. Wenn es aber um verantwortungsvolle Themen geht, wie z. B. eine psychische Erkrankung, erwarte ich, dass diese nicht unnötig verkompliziert werden und somit einen Erkrankten verunsichern.

Der Psychiatrie/Psychologie-Bereich ist leider davon stark betroffen so, dass für die selbe Störung jede Menge unterschiedlicher Krankheitsbezeichnungen und Erklärungsmodellen existieren.

Betrachten wir beispielsweise die Zwangsstörung. Innerhalb dieser Zwangsstörung kommt es zum Unterscheiden zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Warum? Wenn wir uns beides näher ansehen, werden wir feststellen, dass es sich um eine und die selbe Störung handelt. Eine Zwangshandlug ist eine Reaktion auf bestimmte Gedanken, welche der Reduktion von damit verbundenen, negativen Gefühlen dient. Zwangsgedanken führen dazu, dass die Betroffenen gewisse Situationen meiden, welche die negative Gefühlssymptomatik verstärken können. Die folgenden Beispiele sollen es verdeutlichen.

Zwangshandlung
Gedanke: „Wenn ich eine Orange zum Frühstück nicht esse, werden unschuldige Menschen sterben“. Reaktion: Angstgefühle. Handlung: Ich esse eine Orange.

Zwangsgedanke
Gedanke: „Ich könnte meine Kinder abstechen“. Reaktion: Angstgefühle. Handlung: Ich verstecke die Messer.

Hier wird ersichtlich, dass man beide Störungen nicht auseinander halten kann! Ich denke, dass einige sich jetzt fragen werden: „Wie sieht es dann mit den Störungen aus, wo man z. B. zwanghaft irgendwelche Sachen abzählen muss, hier liegen doch gar keine Gedanken vor? Ist das nicht etwa eine reine Zwangshandlung?“. Nein! Wie ich bereits schrieb, trägt ein Gedanke Informationen, welche akustische und visuelle Daten aber auch Gefühlszuordnungen beinhalten können. Diese können innerhalb eines Gedankens entweder einzeln aber auch in jeder erdenklichen Kombination mit einander auftreten. Es können also Gedanken auftreten, welche ausschließlich Gefühle beinhalten. Ein zwanghaftes Abzählen ist somit ein Versuch, diese negativen Impulse zu unterdrücken.

Wenn wir jetzt etwas weiter denken, so werden wir erkennen, dass auch Phobien den selben Abläufen und Prinzipien unterliegen. Eine der verbreitetsten Phobien ist die „Soziale Phobie“.
Es ist unschwer zu ersehen, dass diese Störung in ihrem Verhaltensmuster den oberen beiden Beispielen der Zwangserkrankung entspricht:

Soziale Phobie
Gedanke: „Ich könnte mich auf der Weihnachtsfeier blamieren“. Reaktion: Angstgefühle. Handlung: Ich gehe nicht zur Weihnachtsfeier

An diesem Punkt möchte ich eine Frage stellen: „Warum gibt man einer Erkrankung, welche zwar bei Betroffenen unterschiedliche Symptome hervorruft, die aber durch eine einzige Störung entsteht, so viele Namen?“. Für mich ist jede psychische Erkrankung eine „ Störung der Informationsverarbeitung“ und ja auch Psychosen gehören dazu, wenngleich die Symptomatik hier im Vergleich zu Neurosen anders ausgeprägt ist.

Im weiteren Verlauf der Analyse werde ich die Zwangsstörung als Störung der Informationsverarbeitung betrachten.

Störung der Informationsverarbeitung

Um den Begriff „Störung der Informationsverarbeitung“ zu verdeutlichen, möchte ich auf Beispiele aus meinem Beruf, Forschung und Entwicklung von Mikroprozessorsystemen, zurückgreifen. Betrachten wir ein Computersystem. Dieses besteht aus zwei grundsätzlichen Komponenten: Hardware (CPU, Speicher, Festplatte, Ein/Ausgabe-Schnittstellen, etc.) und Software (BIOS: http://de.wikipedia.org/wiki/BIOS, Betriebssystem, Anwenderprogramme). Wenn einer der Komponenten fehlerbehaftet ist, führt es unweigerlich beim Ausführen eines Programms zu inkorrekten Informationsverarbeitung, und somit zu unerwünschten sowie unvorhersehbaren Ereignissen. Beispielsweise können eine defekte Speicherzelle (Hardware) oder eine mangelhaft programmierte Abbruchbedingung einer Schleife (Software) unser komplexes Computersystem zum Absturz bringen, ungewisse Vorgänge auslösen oder Ergebnisse einer Berechnung verfälschen.

Analog zu diesen Beispielen kann Störung der Informationsverarbeitung bei einem Menschen z. B. unerwünschte Gedanken/Verhaltensweisen, Halluzinationen, abnormale Überzeugungen/ Entscheidungen, Ängste, Depressionen oder wahnhafte Vorstellungen auslösen (die Liste kann beliebig weiter geführt werden). D. h. Informationen, welche sowohl von außen kommen als auch sich auf die bereits erlebten Ereignisse beziehen können, werden nicht mehr richtig interpretiert, miteinander verknüpft und verarbeitet.

Störung der Informationsverarbeitung kann durch organische Erkrankungen (unser Körper – Hardware) und/oder Aberration der Persönlichkeit (unser Ich – Software) ausgelöst werden.

Organische Ursachen

Der Begriff „Hormone“ ist den meisten Menschen geläufig, was allerdings diese kleinen Biester genau verrichten ist den wenigen bekannt ( http://www.internisten-im-netz.de/de_hor…echsel_176.html ). Noch wenigen ist bewusst, dass diese für die korrekte Funktion unserer Gehirnzellen verantwortlich sind. Der Informationsaustausch zwischen den Gehirnzellen wird z. B. durch Neurotransmitter ermöglicht. Somit kann ein gestörter Stoffwechsel Fehler in der Informationsverarbeitung hervorrufen. Des Weiteren kann ein massenhaftes Absterben der Gehirn- oder Nervenzellen die Bewältigung des Informationsflusses negativ beeinträchtigen. Die nachfolgende Auflistung der möglichen, organischen Ursachen ist nicht vollständig und soll lediglich zur Gedankenanregung bewegen.

Absterben der Zellen

Mögliche Ursachen: Schlaganfall, Tumor, Hirn Schleudertrauma, unzureichende Durchblutung bestimmter Hirnregionen (z. B. durch Herz-Kreislauferkrankung), Epilepsie, Alzheimer

Diagnostik: CT mit Kontrastmittelgabe, MRT, etc.

Empfehlung: CT mit Kontrastmittelgabe – schnell und unkompliziert. Muss bei lang anhaltenden psychischen Abnormalitäten unbedingt durchgeführt werden.

Stoffwechselstörung

Mögliche Ursachen: Schilddrüse Über-/Unterfunktion, chronische Darmerkrankungen, Speicheldrüsenentzündung, Nieren- und Lebererkrankungen

Diagnostik: Ultraschall, Analyse von Blut/Urin/Stuhl, Koloskopie, Gastroskopie

Empfehlung: Schilddrüsenuntersuchung bei einem Spezialisten mit Ultraschall – Blutbildwerte alleine sind nicht aussagekräftig! Großes Blutbild bestimmen lassen. Es soll bedacht werden, dass eine Schilddrüsenerkrankung sich innerhalb weniger Monate ausbilden kann. Untersuchungen, die Jahre zurückliegen, haben keine Bedeutung!

Induzierte organische Störung

Mögliche Ursachen: Übermäßiger Drogenkonsum (Alkohol, Cannabis, Nikotin), Medikamentenmissbrauch (Schlaf- oder Schmerzmittel), Einnahme von Medikamenten bei chronischen Erkrankungen.

Diagnostik: Hinterfragung des eigenen Konsums, Genaues Informieren über Medikamentennebenwirkungen.

Empfehlung: Konsumreduzierung oder Abstinenz. Absprachen mit Arzt bezüglich Medikamenteneinnahme.

Aberration der Persönlichkeit

Wie wir mit bestimmten Situationen umgehen oder welche Bedeutung wir den damit verbundenen Ereignissen zugestehen, hängt in erster Linie von unseren Verhaltensmustern ab, welche unsere Persönlichkeit ausmachen. Wie ich bereits angedeutet habe, sind unsere Verhaltensmuster eine Spiegelung der unmittelbaren Umgebung. Nicht selten ist zu beobachten, dass die Kinder sich in den selben Situationen genauso wie ihre Eltern verhalten. Wenn z. B. eine Mutter eine übermäßige Angst vor Bakterien hat und sich deswegen ständig Hände wäscht, kann (wird) ein Kind die selben Ängste entwickeln. Auch als Erwachsene unterliegen wir diesen Mechanismen, beispielsweise der Gruppendynamik. Zwar besitzen wir durch unsere Lebenserfahrung die Fähigkeit, die Geschehnisse „kritisch“ hinterfragen zu können, dennoch beeinflusst die persönliche Umwelt ständig das eigene „Ich“.

Wenn wir also nicht gelernt haben, mit bestimmten Situationen umzugehen, oder uns abnormale Verhaltensmuster angeeignet haben (unsere Software ist nicht vollständig oder fehlerhaft), führt es unabdingbar zur Störung der Informationsverarbeitung. Dies kann man gut anhand depressiver Zustände verdeutlichen. Wenn in unserem Leben ein belastendes Ereignis, wie z. B. Job- oder Partnerverlust, auftritt, versuchen wir dieses aufzuarbeiten, um eine Lösung für diese Situation zu finden. Finden wir aber diese nicht, verfallen wir in einen depressiven Zustand, d. h. wir befinden uns innerhalb einer Endlosschleife, wo negative Gefühlssymptomatik herrscht.

Organische Ursachen ” Aberration der Persönlichkeit

Wir alle kennen die Aussage: „eine gestörte Psyche kann körperliche Beschwerden auslösen“. Natürlich ist diese Behauptung vollkommen richtig, um hier mit der Analogie zum Computerbereich zu bleiben – ein fehlerhafter Treiber (Programm) kann einen Drucker statt Bilder Streifen drucken lassen. Hier sollte man aber zwischen der bewussten und unbewussten Ebene der Psyche unterscheiden. Eine Regulierung des eigenen Körpers geschieht auf der unbewussten Ebene und ist somit weitgehend unserer Kontrolle (bewusste Ebene) entzogen. Wir können zwar durch unser Handeln diese negativ (Angst, Stress) oder positiv (Entspannung) beeinflussen – das aber in den meisten Fällen nur marginal. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass die Auslösung psychischer Beschwerden durch eine organische Störung wesentlich öfter vorkommt, als wenn es umgekehrt der Fall ist. Leider musste ich in der letzten Zeit vermehrt feststellen, dass die Ärzte die Anliegen der Patienten sehr schnell als psychosomatische Störungen abtun. Zum einen liegt es an unzureichenden Diagnostikmaßnahmen (Großes Blutbild ist das höchste aller Gefühle), zum zweiten an der mangelhaften Kommunikation zwischen Arzt und Patient (Patienten beschreiben ihre Symptome nicht vollständig und fehlerhaft oder Ärzte stellen keine weiterführenden Fragen) oder einfach am lückenhaften Kenntnisstand des Arztes (dafür muss die Psychosomatik herhalten).

Deshalb hat die Klärung der möglichen organischen Erkrankungen im Falle einer psychischen Störung die höchste Priorität!

Zwangsneurose als Symptom der Informationsverarbeitungsstörung

Mit dem nachfolgenden Frage-Antwort-Katalog möchte ich die Zwangsneurose etwas näher betrachten und diese als ein Teil der Informationsverarbeitungsstörung darlegen.

F: Was sind Zwangsgedanken?
A: Unerwünschte Gedanken entstehen bei jedem Menschen, es ist eine Begleiterscheinung der assoziativen Funktionsweise unseres Denkorgans. Wie ich bereits aufgeführt habe, kann der Inhalt dieser Gedanken nicht kontrolliert werden. „Gesunde“ Menschen können diese unerwünschten Informationen richtig verarbeiten und dem Inhalt eine entsprechende Bedeutung beimessen. Bei einem Zwangsneurotiker dagegen ist die Informationsverarbeitung gestört so, dass keine Zuordnung für diese Gedanken gefunden werden kann und somit diese in eine Endlosschleife geraten. Man versteht zwar, dass die Inhalte falsch oder unsinnig sind, kann aber deren Verarbeitung nicht zu Ende führen, weil die Informationszuordnung zum größten Teil unbewusst erfolgt (das ist übrigens noch ein Trick unseres Gehirns, um uns das Denken zu erleichtern).

F: Was sind Zwangshandlungen?
A: Eine Zwangshandlung ist eine mögliche Reaktion auf negative Symptomatik der Informationsverarbeitungsstörung. Diese dient zur Angst- und Spannungsreduktion. Wenn eine Handlug diese Symptome lindern kann, führt der Betroffene diese immer wieder aus, weil sein Gehirn die „positiven“ Eigenschaften dieser Handlung abgespeichert hat. Ein Betroffener kann mehrere Zwangshandlungen aufweisen, welche situationsbedingt sind. Wenn die Störung der Informationsverarbeitung behoben werden kann, werden die Zwangshandlungen automatisch verschwinden.

F: Warum haben Zwangsneurotiker Angst und bekommen Panikattacken?
A: Zuerst die gute Nachricht – jeder hat Angst! Angst ist das wichtigste aller Gefühle (die Romantiker unter uns würden wahrscheinlich Liebe sagen), denn diese macht uns überhaupt erst überlebensfähig. Stellen Sie sich vor, Sie hätten keine Angst! Ich denke jeder kann sich ausmalen, wozu das führen könnte. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht – Angst ist das sogenannte Default-Gefühl (englisch default = „Standard“, „Voreinstellung“), d. h. wenn keine andere Gefühlszuordnung während einer Informationsverarbeitung gefunden werden kann, greift unser Gehirn auf die Voreinstellung, also Angst, zu, um uns eine Gefahr zu signalisieren. Deshalb bekommen Menschen in für sie unbekannten Situationen Angstgefühle. Ein Symptom der Informationsverarbeitungsstörung ist die fehlerhafte Gefühlszuordnung und deswegen wird eine Neurose von Ängsten begleitet.
Panikattacken entstehen durch Informationsverarbeitungsstörung auf der unbewussten Ebene (Organregulierung) und lösen primär körperliche Beschwerden, wie z. B. Herzrasen, Atemnot oder Schweißausbruch, aus, bedingt durch die körperliche Symptomatik werden sekundär Angstgefühle entfacht. Eine Panikattacke ist ein guter Hinweis auf die gestörten Schaltvorgänge unserer Gehirn- oder Nervenzellen, welche auf organischen Ursachen beruhen. Bei einem „gesunden“ Menschen können diese während einer Krankheit (z. B. Magen-Darm-Virus) oder als deren Vorbote auftreten.

F: Warum kann ich keine Gefühle mehr empfinden?
A: Glauben Sie mir, Sie haben diese Fähigkeit nicht verloren! Haben Sie Angst, dass Ihre Gefühlswelt sich nie wieder normalisiert? Ja? Dann kann keine Rede von „keine Gefühle“ sein, denn Angst ist ein Gefühl. Was Sie zur Zeit erleben ist eine Störung in der Gefühlszuordnung, welche durch Ihre Krankheit ausgelöst wurde. Des Weiteren machen Sie es sich durch Ihre Erwartungen selber unnötig schwer – wenn Sie jetzt Ihre/n Partner/in ansehen und denken: „Jetzt müsste ich Liebe verspüren“, werden Sie, aber auch ein „gesunder“ Mensch dieses Gefühl mit Sicherheit nicht empfinden. Man kann sich nicht zwingen, bestimmte Gefühle zu empfangen! Durch das Denken, gewünschte Gefühle empfinden zu müssen, wird deren Entstehung erst recht verhindert. Erzwungenes Lachen wäre dazu ein gutes Beispiel.

F: Ist der oben angeführte Vergleich mit einem Computersystem angebracht?
A: Im gewissen Sinne ja. Unser Denkorgan ist aber kein starres Konstrukt. Es kann sowohl neu programmiert werden als auch sich durch die neuroplastischen Vorgänge (http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronale_Plastizität) neu formen. Des Weiteren besitzt es eigene Regenerationskräfte. Der Vergleich sollte nur bestimmte Mechanismen veranschaulichen, denn gewisse Ähnlichkeiten sind nicht abzustreiten.

F: Welche Maßnahmen zur Krankheitsbewältigung werden empfohlen?
A: Als allererstes muss der Betroffene verinnerlichen, dass man krank ist, es akzeptieren und sich die Frage stellen: „Wie soll es weiter gehen, welche Perspektiven habe ich?“. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man bleibt in der jetzigen Gefühlswelt, welche aus Ängsten, Depressionen, Selbstmordgedanken, etc. besteht, bemitleidet sich selbst und läuft von Problemen weg oder man mobilisiert die letzten Kräfte und stellt sich der Krankheit mit dem Ziel, diese zu besiegen. Zugegebenermaßen ist der erste Weg der einfachere, an dessen Ende es aber keine Preise zu gewinnen gibt.

Einweihung eigener Angehörige in Ihre Krankheit ist ein umungehbarer Schritt. Einerseits können Sie dadurch ein Teil Ihrer Ängste ablegen, andererseits wird man Ihnen mit besserem Verständnis begegnen. Sie sollten allerdings nichts überstürzen und Ihren Angehörigen als erstes Information über Ihre Erkrankung bereitstellen. Besorgen Sie dazu ein paar Prospekte oder drucken Sie Infoblätter aus dem Internet aus. Andernfalls könnten Sie sie unnötig verängstigen.

Im nächsten Schritt müssen organische Ursachen untersucht, festgestellt oder ausgeschlossen werden. Bei mir war z. B. der Auslöser ein übermäßiger Alkoholkonsum – bis zu zwei Flaschen Whisky an einem Wochenende waren die Regel und das seit Jahren. Wer sich bei diesen Mengen wundert (so wie ich), dass man psychische Erscheinungen bekommt, macht etwas falsch. Ich habe mich für den Weg der Abstinenz entschieden, auch wenn es unheimlich schwer ist.

Wer zwar gewillt ist, gegen die Krankheit vorzugehen, sich aber ohne Unterstützung nicht in der Lage fühlt, sollte die üblichen Maßnahmen der Psychiatrie, wie Psychopharmaka (ich habe mich für die Einnahme von Paroxetin entschieden), Verhaltenstherapie, zu Rate ziehen. Bei akuten Zuständen wäre ein Psychiatrieaufenthalt zu empfehlen.

Wenn eine organische Störung vorliegt und die Behandlung mit Medikamenten erfolgt, sollte die Einnahme von Psychopharmaka mit behandelnden Ärzten abgestimmt werden, da die Wirkung der Medikamente sich gegenseitig aufheben oder verstärken kann. Bei Medikamenten aus dem Bereich der Antidepressiva sollte man bedenken, dass diese bis zu ihrer Wirkungsentfaltung einen Vorlauf benötigen, welcher sich über sechs Wochen erstrecken kann (in der Regel zwei). In dieser Zeit können sich die Krankheitssymptome verstärken oder neue hinzukommen. Man sollte sich deswegen nicht erschrecken und in einem akuten Fall den behandelnden Arzt z. B. telefonisch kontaktieren.

Ist man erst durch diese Maßnahmen so weit gestärkt, dass ein bewusster und kritischer Umgang mit dieser Krankheit als möglich erscheint, muss man anfangen an sich selber zu arbeiten. Dazu gehören geistige und körperliche Aktivitäten. Überlegen Sie sich ein schwieriges Hobby, z. B. Erlernen einer Fremdsprache, Rechnen von komplizierten mathematischen Gleichungen – wir müssen unser Gehirn mit neuen Informationen versorgen und auf Problembewältigung trimmen , deswegen wäre z. B. das Sammeln von Briefmarken dazu nicht geeignet. Durch körperliche Aktivitäten wird unser Stoffwechsel positiv beeinflusst. Man muss sich nicht zwingend in ein Fitnessstudio einschreiben – tägliche, intensive Spaziergänge sind bereits ausreichend. Diese Maßnahmen sind notwendig, denn sonst werden auch die besten Therapien scheitern!

F: Muss man Psychopharmaka dauerhaft einnehmen?
A: Ich bin davon überzeugt, dass dies nur in seltenen Fällen erforderlich ist. Wenn Sie sich dazu stark genug fühlen, sollten Sie diese auch absetzen (Ich habe Paroxetin abgesetzt), allerdings nicht ohne Absprache mit Ihrem Arzt, denn Absetzerscheinungen sind nicht zu verachten. Bitte beachten Sie, dass Krankheitssymptome zurückkehren können. Sie haben jetzt aber gelernt mit Ihrer Krankheit richtig umzugehen, deswegen sollten Sie etwas Durchhaltevermögen mitbringen – die anschließende Stabilisierung kann mehrere Monate dauern!

F: Sollte man stressige Situationen vermeiden?
A: Nein! Den sonst lernen Sie nie, mit diesen umzugehen. Man sollte sich aber einige Entspannungstechniken aneignen und diese vor der Bewältigung dieser Situationen anwenden. Z. B. Klopftherapie (EFT).

F: Wie verläuft die Genesung?
A: Man kann diese in drei Stritte unterteilen:

Verringerung der Angstsymptomatik (ich befinde mich gerade in dieser Phase.)
Zwangsgedanken ängstigen Sie z. B. nicht mehr oder selten. Hier liegt aber die Gefahr, dass viele Betroffene anfangen, sich für Psychopath zu erklären – ich spüre keine Angst vor meinen Gedanken, also bin ich einer. Solange Sie diese Gedanken nicht genießen, brauchen Sie auch nichts zu befürchten! Sie haben bereits gelernt, Ihren unerwünschten Gedanken entsprechende Bedeutung beizumessen!

Normalisierung der Gefühlswelt
Die Gefühlszuordnung hat sich weitgehend stabilisiert. Krankheitssymptome treten nur selten und in abgeschwächte Form auf.

Vollständige Genesung
Freuen Sie sich, aber hören Sie nicht auf, an sich weiter zu arbeiten, sonst besteht die Gefahr eines Rückfalls.

Der Verlauf der Genesung ist kein stetiger Weg zum Ziel. Nicht selten wird man zurückgeworfen und muss neu anfangen. Es gehört sehr viel Durchhaltevermögen dazu, aber das ist ein einziger Weg mit positiven Ende.

F: Gibt es bei dieser Erkrankung exotische Symptome?
A: Ich habe von einem Fall gelesen, wo der Betroffene ständig an positive Erlebnisse denken musste, es hört sich vielleicht nicht schlimm an, aber auf Dauer ist es ziemlich belastend.

Schlusswort

An dieser Stelle möchte ich noch mal ausdrücklich betonen, dass die Ansichten, Empfehlungen und Betrachtungsweisen dieser Aufarbeitung rein subjektiver Natur sind und müssen deswegen nicht richtig sein!

Ich bedanke mich bei Ihnen fürs Lesen und hoffe, dass ich einige von Ihnen zum Nachdenken bewegen konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Neurotikus

  • »rollireloaded« ist männlich

Beiträge: 86

Zwangssymptome: Druck / Kratz / Beißhandlungen -Grübelzwänge -

Medikament / Dosis: Keine Medis (ersetzten keine Liebe)

Aktueller Therapie-Status: war schon mal in Therapie

Status: Betroffene/r

Wohnort: NRW Wuppervalley

Beruf: Keiner oder Überlebungskünstler

Hobbys: Modelleisenhahn

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Dienstag, 7. Februar 2012, 03:32

Intelligent geschrieben.Geht kürzer.

Meine subjektive Meinung :

Neugeborene sind nicht "rein,unbefleckt "

Sie sind gezeichnet durch Genetik / Epigenetik / rudimentäre prenatale Engramme.

Dazu kommen perinatale / postnatale / kognitive Engramme.

Die Gesamtheit aller Engramme - es sind ein paar Milliarden - ergibt das Gedächtnis.

Das Gedächtnis beschäftigt sich nun mit Bewusstsein / Unterbewusstsein / mentales Veto.

Also immer wieder trivalente Systeme . Das kann nicht gut gehen.

Darum arbeitet ein Computer mit Binärsystem. Nächster Schritt Quantencomputer.

Der Zwangskranke ist in einer Art Möbiusschleife gefangen.

Die zwangshafte Persönlichkeit ist Opfer seiner Chiralität ; bzw. achiral.

Angst ist übrigens ein archaisches Engramm.
Im Englischen hier weitere Begriffe wie Fight - Freeze - Flight.

Es gibt auch Zwänge ohne Ängste.

Nur versteht die Psychiatrie die von mir vorgestellten trivalenten Systeme nicht.

Hierzu kommt noch die Ironie:

Molekularforscher , Hirnforscher , Psychiater untersuchen Hirnleistungen.
Nur unterschiedlich.

Von Computern habe ich keine Ahnung.
Aber lässt sich ein " Qubit " auf menschliche Denkstrukturen übertragen ???
Wie steht es mit dem " Brain Interface . "

LG rolli
Ich dachte einen Gedanken , aber der Gedanke den ich dachte war nicht der Gedanke den ich dachte gedacht zu haben. Wenn ich nicht diesen Gedanken gedacht hätte den ich dachte das ich ihn gedacht hätte, ich hätte nicht so viel (nach) gedacht.