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bo

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Sonntag, 11. Januar 2009, 18:52

MEDIKAMENTE: Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI)

"SSRI" ist die Abkürzung für "Selective Serotonin Reuptake Inhibitor", auf deutsch: Selektiver Serotoninwiederaufnahmehemmer. Es handelt sich bei diesen Medikamenten um Antidepressiva die selektiv die Konzentration des stimmungsrelevanten Neurotransmitters Serotonin im synaptischen Spalt (=Kontaktstelle der Gehirnnervenzellen) erhöhen, damit bestimmte Gehirnareale stabilisieren und Depressionen, Ängste, Panikstörungen, Zwangsstörungen und Antriebsschwäche (u.U.) zu lindern vermögen. U. a. gehören Deroxat (Paroxetin), Fluctine (Fluoxetin), Zoloft (Sertralin) zu diesen SSRI. Auch Anafranil (Clomipramin) hat eine starke serotonin-verstärkende Wirkung.

Seit 15 Jahren ist für die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eine Wirksamkeit gegen Panikattacken nachgewiesen worden. Der Name Serotonin-Wiederaufnahmehemmer besagt bereits, daß die präsynaptische Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin und damit dessen Inaktivierung weitgehend selektiv gehemmt wird. Das Serotoninangebot im synaptischen Spalt und am Rezeptor wird also erhöht.

Berücksichtigt man nur dieses Prinzip, taucht zwangsläufig die Frage auf, ob alle psychischen Störungen, bei denen SSRIs eingesetzt werden durch einen Serotoninmangel erklärt werden können. Der Neurotransmitter Serotonin spielt in der Psychiatrie seit Jahren eine sehr große Rolle. Schon relativ früh war bekannt, daß Serotonin bei depressiven Störungen von Bedeutung ist und zwar im Sinne einer Verminderung des Serotoninspiegels im limbischen System. In den letzten Jahren sind dann zuverlässige Befunde zu Angsterkrankungen, Aggressivität, Zwangsstörungen, Impulskontrollstörungen und Suizidalität hinzugekommen. Auch bei schizophrenen Psychosen spielt Serotonin eine Rolle.
Bei allen diesen Erkrankungen gibt es zu niedrige Serotoninspiegel im synaptischen Spalt. Allerdings gilt dies nur für bestimmte Regionen bzw. Regelkreise im Gehirn, die jeweils bei den genannten Erkrankungen pathophysiologisch von Bedeutung sind. Der Serotoninspiegel im peripheren Blut korreliert nicht ausreichend mit diesen Serotoninkonzentrationen, auch nicht der Serotoninspiegel im Liquor.
Es ist deshalb nicht möglich, aus Serum-Bestimmungen auf psychische Probleme zu schließen!
Im übrigen gehen wir heute davon aus, daß nicht die Störung eines einzelnen Neurotransmitters für die Erkrankung verantwortlich ist, sondern vielmehr das Gleichgewicht verschiedener Neurotransmittersysteme (z.B. Noradrenalin, Dopamin, Acetylcholin etc.). Die Korrelation zwischen biochemischen Auffälligkeiten und klinischer Symtomatik ist sowieso nie vollständig, da immer noch weitere Faktoren (psychologisch, sozial) eine Rolle spielen. Die Bestimmung von zentralen Serotonin-Konzentrationen ist einigermaßen zuverlässig nur mit bestimmten bildgebenden Verfahren (z.B. PET) möglich. Diese Untersuchung eignet sich aber nicht für die klinische Praxis geeignet. Die Kenntnis über den Serotoninstoffwechsel hat zur Entwicklung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) geführt, die heute einen wesentlichen Teil der Therapie von Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen darstellen. So einfach sind die Erklärungsmodelle beim also Gehirn nicht: Serotonin ist keine Substanz, der ganz bestimmte Funktionen zugeschrieben werden können, sondern es bindet an mehrere verschiedene Rezeptorsubtypen, die je nach Typ, aber auch Lokalisation, unterschiedliche Funktionen maßgeblich bestimmen oder auch nur modulieren. Die einzelnen Serotoninrezeptoren können sogar gegensinnig wirken. Serotonin ist vor allem ein Neuromodulator, der viele Prozesse im Gehirn, auch andere Neurotransmittersysteme, modifiziert. Je nach Ausgangslage werden überschießende Aktivitäten also gehemmt oder schwache verstärkt. Über Interaktionen erreichen die SSRIs also nicht nur das Serotoninsystem, sondern viele andere Neurotransmitter und deren Funktionen. Dazu kommen die zahlreichen sekundären Effekte bei chronischer Einnahme: Präsynaptische, die Serotoninfreisetzung hemmende Autorezeptoren und postsynaptische Rezeptoren werden regional verschieden in ihrer Dichte und Affinität verändert, so daß sich als Nettoeffekt ein neues Gleichgewicht ausbildet. All das soll nur verdeutlichen, daß SSRIs zwar im Labor unter der Überlegung entstanden sind, ein in die Pathophysiologie gezielt eingreifendes Mittel gegen eine "Serotoninmangeldepression" zu entwickeln, daß der Fortschritt der neurobiologischen Forschung die ursprüngliche Theorie aber längst überholt hat. Was geblieben ist, ist eine hochwirksame Substanzgruppe mit anfangs nicht geahnten Möglichkeiten, deren genaues Wirkprinzip aber wieder unscharf geworden ist. Mit der Neuromodulatorfunktion von Serotonin ist aber die theoretische Grundlage dafür bekannt, warum SSRIs so viele Indikationsbereiche erobern konnten. (Teilweise zitiert nach: Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) Indikationen, Nutzen und Risiken Von D. Ebert (Fortschr. Med. 114.Jg. (1996), Nr. 18-19, S. 243-247)

Vor allem die Stoffe Fluvoxamin, Fluoxetin, Sertalin, Paroxetin, Citaprolam haben hier eine nachgewiesene Wirkung. In der Wirkung sind sie dem Imipramin ähnlich. Auch sie machen nicht süchtig, die antipanische Wirkung tritt auch hier mit Verzögerung ein, später als die eventuellen Nebenwirkungen (unter anderem Angstverstärkung). Bei raschen Absetzen können besonders bei den kurz wirksamen Absetzsymptome auftreten, die mit der ursprünglichen Symptomatik verwechselt werden können. Also immer ausschleichen. Ein Wundermittel sind also auch die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer nicht. Die meisten Patienten vertragen diese Medikamente, dabei verschwinden die Nebenwirkungen meistens nach 1-3 Wochen so, daß subjektiv keine mehr empfunden werden.

Alle Psychopharamaka verursachen Nebenwirkungen, teilweise Absetzsymptome. Alle Psychopharmaka sind mit Vorsicht zu geniessen und sollten nicht mit einer sinnvollen Psychotherapie verwechselt werden welche für eine ergolreiche Therapie zwingend erforderlich ist.

Psychopharmaka können eine Psychotherapie nur "unterstützen", niemals ersetzen.

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