Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Zwangserkrankungen.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

bo

Schüler

  • »bo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 110

Aktueller Therapie-Status: Keine Ahnung

Status: Sonstige

  • Nachricht senden

1

Sonntag, 11. Januar 2009, 18:47

THERAPIE: Verhaltenstherapie

Der russische Neurologe Pawlow hat Anfang dieses Jahrhunderts beobachtet, daß angeborene Verhaltensweisen nicht nur durch die ursprünglich dafür vorgesehenen Situationen ausgelöst werden können, sondern auch durch vorher neutrale Reize. Das klassische Beispiel war der Hund, dem der Speichel zusammenlief, nicht nur, wenn er sein Fressen sah, sondern später auch bei dem Glockenton, den er immer gleichzeitig mit seinem Fressen zu hören bekam. Diesen Vorgang des Lernens, die Verknüpfung des ursprünglichen Reizes mit einem eigentlich neutralen Reiz, nennt man »klassisches Konditionieren«.

Heute erklärt dieser Vorgang unter anderem, wie Angst – eine angeborene gefühlsmäßige Reaktion – unter eigentlich vollkommen ungefährlichen Umständen wie engen Räumen oder Fahrstühlen auftreten kann.

Die Theorien zum Lernen am Erfolg, auch als »operantes Konditionieren« bezeichnet, sind von Skinner in den fünfziger Jahren entwickelt worden, um noch umfassender den Erwerb von nicht angeborenen Verhalten erklären zu können. Verkürzt ausgedrückt heißt das: Ein Individuum lernt durch die Erfahrung von Erfolg und Mißerfolg. Positive Konsequenzen oder Verstärkungen erhöhen die Häufigkeit bestimmter Aktivitäten, negative Folgen wie Bestrafung mindern ein bestimmtes Verhalten oder lassen es völlig verschwinden.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich der Mensch innerhalb seiner Lebensspanne entwickelt, weiter erforscht. Der Erwerb von Wissen, die Zusammenhänge zwischen Gefühlen, körperlichen Vorgängen, den subjektiven Bewertungen der Umwelt und dem entsprechenden Verhalten sind Grundlage für das Verständnis der meisten seelischen Störungen. Damit verbinden sich Namen bekannter verhaltenstherapeutischer Theoretiker wie Mahoney, Meichenbaum und Ellis.

Neue Erkenntnisse fließen ständig in die entsprechenden Modelle ein oder es werden neue Methoden entwickelt. Die Verhaltenstherapie versteht sich als die konkrete Anwendung der daraus abgeleiteten Möglichkeiten, um Bedingungen zu verändern, die zur Entstehung oder Aufrechterhaltung von seelischen und körperlichen Erkrankungen beitragen. Dies können Einflußmöglichkeiten sein, die dem Betroffenen selbst zur Verfügung stehen, oder Bedingungen, die in seiner Umwelt vorzufinden sind und in Zusammenhang zur Störung des Wohlbefindens stehen.

Die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie wird in zahlreichen Untersuchungen ständig geprüft. Im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden erweist sie sich durchgehend als ebenso wirksam, in bestimmten Bereichen sogar als nachweisbar erfolgreicher.

Welche Idee dahinter steht
Die Verhaltenstherapie geht davon aus, daß jedes Verhalten nach gleichen Prinzipien erlernt, aufrechterhalten und auch wieder verlernt werden kann. Dabei wird unter Verhalten nicht nur die äußerlich sichtbare Aktivität des Menschen verstanden, sondern auch die inneren Vorgänge wie Gefühle, Denken und körperliche Prozesse. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt erfordert zahlreiche Lern- und Anpassungsleistungen. Wir fühlen uns wohl, wenn wir in der Lage sind, auf diese psychischen und physischen Anforderungen flexibel und unter angemessener Berücksichtigung unserer Bedürfnisse selbstverantwortlich zu reagieren. Reichen die eigenen Fähigkeiten nicht aus, um zentrale Bedürfnisse wie die nach sozialer Sicherheit, befriedigenden Beziehungen oder selbstbestimmter Lebensgestaltung zu erfüllen oder stehen äußere Umstände dem entgegen, wird das Wohlbefinden beeinträchtigt. Die Folgen können seelische und körperliche Erkrankungen sein.

Die Wirkung der Verhaltenstherapie besteht nun darin, in und außerhalb der Behandlung Lernprozesse in Gang zu setzen. Der Betroffene soll in die Lage versetzt werden, eigene – oft gewohnheitsmäßig ablaufende – Verhaltensmuster zu verändern, die bislang seinem Wohlbefinden im Wege stehen.

So kann ein depressiv Erkrankter während der Therapie lernen, sich selbstsicherer zu verhalten und damit in der Begegnung mit anderen Menschen befriedigendere Erfahrungen zu machen. Häufig genug tragen auch früh erworbene Denkmuster, wie »ich kann nur zufrieden mit mir sein, wenn ich mindestens ebenso gut bin, wie alle anderen in meiner Umgebung« zu Störungen bei. Ein derart verzerrter Maßstab ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Vielmehr führt er zu einer tiefsitzenden Unzufriedenheit, zu Versagensängsten sowie anderen negativen Beurteilungen und kann längerfristig oder in besonderen Belastungssituationen zu einer seelischen Störung oder zu körperlichen Beschwerden beitragen. Hier gilt es, andere angemessenere und erreichbare Ziele zu entwickeln und sich nach realistischeren Maßstäben bewerten zu lernen.

Wenn es möglich und notwendig ist, wird versucht, wichtige Bezugspersonen in die Therapie mit einzubeziehen oder Veränderungen in der Umgebung (Wohnung, Arbeit) zu fördern, die im Zusammenhang mit den Beeinträchtigungen stehen und zu einem gesünderen Leben beitragen können.

Wie behandelt wird
Als Ratsuchender nehmen Sie vom Beginn einer Therapie an aktiv an einem intensiven und konzentrierten Prozeß teil, um die notwendigen Kenntnisse und Informationen über den Problembereich und die möglichen Hintergründe zu erarbeiten. Die Entwicklung Ihrer Persönlichkeit, Ihre aktuelle Lebenssituation, die Beziehung zu wichtigen Bezugspersonen, Ihre Art, sich selbst und die Umwelt wahrzunehmen, und Ihre Fähigkeiten, die verschiedenen Anforderungen des Alltages zu bewältigen, werden eingehend erfragt. Zusätzlich werden Sie oft gebeten werden, Fragebögen auszufüllen oder detaillierte Tagesaufzeichnungen anzufertigen. Diese Phase soll dem Therapeuten einen umfassenden Überblick über alle wichtigen Bedingungen geben, die im Zusammenhang mit den aktuellen Schwierigkeiten von Bedeutung sind. Ein weiterer Schwerpunkt dieser ersten Phase ist das Gespräch mit Ihnen darüber, welche konkreten Ziele und Erwartungen Sie mit der Therapie verbinden.

Als Ausgangspunkt für die eigentliche Behandlung wird gemeinsam ein sog. Bedingungs- oder Erklärungsmodell erstellt. Dieses individuell für Sie zugeschnittene Modell soll Ihre psychischen Beeinträchtigungen verstehen helfen. Dazu werden die erhobenen Erkenntnisse Ihrer Lerngeschichte und die derzeitigen Lebensbedingungen auf dem Hintergrund von gut geprüften Erkenntnissen aus der Therapieforschung in einen für Sie verstehbaren Zusammenhang gebracht. Darauf aufbauend wird mit Ihnen das weitere Vorgehen geplant. Sie wirken also von Anfang an verantwortlich und bestimmend an Ihrer Therapie mit. Wichtigstes Ziel der gemeinsamen Arbeit ist, Sie in die Lage zu versetzen, letztlich Ihr eigener Therapeut zu werden. Deshalb wird Ihnen alles, was für den Heilungsverlauf wichtig ist, verständlich und nachvollziehbar dargelegt. Ihre Wünsche und Bedürfnisse bestimmen weitgehend die Inhalte und den Ablauf der Behandlung. Andererseits ist es notwendig, daß Sie in und außerhalb der Gespräche – auch wenn es Anstrengung und Überwindung kostet – sich darauf einlassen, neue Verhaltensmöglichkeiten auszuprobieren und einzuüben.

Wann und wo sie angewandt wird
Das Spektrum der in einer Verhaltenstherapie angewandten Methoden ist so vielfältig, daß es sich hier nicht erschöpfend darstellen läßt. Zu den einsetzbaren Methoden gehören:

das Lernen von Fähigkeiten, um angstbesetzte Situationen zu bewältigen,
die Einflußnahme auf Denkvorgänge, die in der Auseinandersetzung mit sich selbst oder der Umgebung wiederholt als belastend erlebt werden und die daran hindern, wichtige Ziele, z.B. Prüfungen, gelassenes Meistern schwieriger Situationen, zu erreichen,
das Erlernen von Fähigkeiten, das Leben grundsätzlich etwas positiver und befriedigender zu gestalten, z.B. »Genußtraining«.
Umfassende und gut erprobte Therapieprogramme gibt es nicht nur zur Streßbewältigung und Erlangung von Selbstsicherheit, sondern auch zum erfolgreicheren Umgang mit körperlichen Erkrankungen, zur Veränderung von Ernährungsgewohnheiten, Verarbeitung von Trauer und traumatischen Erlebnissen, Behandlung von sexuellen Störungen, gesundheitsschädigenden Lebensgewohnheiten und gegen Störungen wie Depressionen und psychotische Erkrankungen.

Häufig werden Sie im Verlauf einer Verhaltenstherapie ein Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder das Verfahren zur Muskelentspannung nach Jacobsen erlernen. Dies ist ein erster Schritt, Anspannung und Streß zu vermeiden bzw. zu verringern. In Rollenspielen werden Sie üben, sich in sozialen Situationen selbstsicherer zu verhalten z.B. wie Sie Ihrem Partner vermitteln, daß er im angetrunkenen Zustand von Zärtlichkeiten absehen sollte oder wie Sie bei Ihrem Vorgesetzten die längst fällige Höhergruppierung ruhig und deutlich durchsetzen können. Geht es darum, daß Angstzustände Sie daran hindern, sich frei und unbeschwert in Ihrer Umgebung zu bewegen, so werden Sie – gezielt und Ihren Möglichkeiten angepaßt – darauf vorbereitet, die betreffenden Orte und Situationen direkt in Begleitung des Therapeuten aufzusuchen.

Nach und nach erproben Sie die in der Therapie neu erworbenen Bewältigungsmöglichkeiten und entwickeln die Fähigkeit, besser und mit weniger Beeinträchtigungen im Alltag zu bestehen. Verhindern selbstabwertende Gedanken oder zu hohe Selbstansprüche Zufriedenheit mit Ihrer eigenen Person, werden Sie lernen, die Bedeutung dieser Gedanken zu hinterfragen. Nach dem Motto »Nicht die Dinge machen unglücklich, sondern wie wir sie betrachten« werden unrealistische Selbsteinschätzungen oder verzerrte Wahrnehmungen der Welt zu korrigieren versucht.

Die Therapie kann in Form von Einzelgesprächen durchgeführt werden, in Gruppen stattfinden oder unter Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen erfolgen. Teilweise wird es nötig sein, eine stationäre Behandlung in Anspruch zu nehmen, in den meisten Fällen reicht jedoch eine ambulante Therapie aus. Dauer und Intensität der Therapie richten sich nach der Schwere der Beschwerden, deren Vielfalt und Beeinflußbarkeit. Dabei gilt der Leitsatz »Weniger ist mehr« d.h. nur so viel Therapie wie nötig, um selbständig die für das Wohlbefinden wichtigsten Ziele und Bedürfnisse zu erreichen. Ein Therapiezeitraum – bei ambulanter Therapie – von mehr als einem Jahr und über 25 Sitzungen ist eher die Seltenheit.»Insgesamt ist das Ziel aller Bemühungen auf konkrete Schwierigkeiten des Lebens gerichtet. Am Ende der Therapie sollten Sie angemessener, fähiger und flexibler auf zukünftige Anforderungen reagieren oder unglücklich machende Umstände verändern können.

Verhaltenstherapeutische Gruppen, sog. Soziale Kompetenz-, Selbstsicherheits- oder Problemlösegruppen, können eine gute Möglichkeit sein, neue Verhaltensweisen oder verlorengegangene Sicherheit spielerisch zu lernen und zu üben. Dies kann im Einzelfall zu einer beträchtlichen Reduzierung von Belastungen wie soziale Isolation oder Auseinandersetzungen mit der Familie/am Arbeitsplatz führen und damit einen Schutz vor erneuter Überlastung, die schlimmstenfalls wieder einen Rückfall auslösen kann, darstellen.

Auch in der verhaltenstherapeutischen Einzeltherapie werden diejenigen individuellen Bedingungen herausgearbeitet, die immer wieder zu Überlastungen und Blockaden führen. In Rollenspielen, durch Hausaufgaben, durch aktives Umstrukturieren altgewohnter Denkschemata wird versucht, positive Veränderungen in Gang zu setzen.

Was besonders wichtig ist
Generell gilt: Wie bei allen Therapieformen sollten Sie auch bei der Wahl eines Verhaltenstherapeuten oder einer -therapeutin darauf achten, daß Sie das Gefühl haben, zu diesem Menschen einen vertrauensvollen Kontakt aufnehmen zu können. Sie haben in der Regel zwei bis drei Therapiestunden Zeit, sich zu entscheiden. Leider wird diese Entscheidungsfreiheit oft dadurch eingeschränkt, daß viel zu wenig freie Therapieplätze vorhanden sind. Trotzdem lohnt es sich manchmal zu warten. Die wichtigste Frage an Ihren Therapeuten ist, inwieweit dieser Erfahrung in der Behandlung mit Ihren Problemen bzw. Ihrer Erkrankung hat und wie er sich den Behandlungsablauf vorstellt. Auch sollten Sie über Ihre Zielvorstellungen klar und deutlich sprechen.

Dr. Steffen Moritz und seine Arbeitsgruppe am UKE-Hamburg haben eine Selbsthilfetechnik zur Reduktion von Zwangsgedanken entwickelt, die zum kostenlosen Download bereitsteht:
http://www.uke.uni-hamburg.de/kliniken/p…index_31780.php

Thema bewerten