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Shellie

unregistriert

1

Samstag, 8. September 2007, 23:39

Hilfe! Die Zwänge verbieten meiner Schwester zu essen!

Einen schönen guten Abend,

ich wende mich in völliger Verzweiflung an Euch alle. Es geht um meine Schwester und wir wissen alle einfach nicht mehr was wir tun sollen.
Zwänge hat meine Schwester eigentlich schon seit einigen Jahren. Am Anfang war es ein Waschzwang. Ich habe damals viel mit ihr darüber gesprochen und wollte sie immer wieder dazu bewegen, einen Psychologen aufzusuchen. Doch das wollte sie nicht. Nun sind Jahre vergangen und die Situation hat sich drastisch verschlimmert. Es gab zwischendurch Zeiten, da ging es meiner Schwester sehr gut, sie hatte ihre Zwänge im Griff und war zufrieden mit ihrem Leben. Doch jetzt ist es wieder ganz schlimm.
Das schlimmste ist, daß meine Schwester sich einbildet, es könne etwas ganz schlimmes passieren sobald sie etwas ißt oder trinkt. Tageweise klappt es dann wieder mit dem Essen und dann wieder nicht. Ich selbst hatte sie jetzt 10 Tage lang nicht gesehen. Als ich sie vor den 10 Tagen sah, sagte sie, sie hätte Pläne, um sich wieder selbst hochzupäppeln und es zu schaffen, wieder normal zu essen. Ich war sehr zuversichtlich und glaubte ihr das auch. Nun nach 10 Tagen sah ich sie wieder und ich war wirklich geschockt. Sie ist ohnehin schon immer sehr dünn gewesen, aber nun ist sie noch viel dünner und ihr Gesicht ist total eingefallen. Ihr Lebensgefährte sagte mir dann, sie hätte nun schon über 5 Tage lang so gut wie gar nichts mehr gegessen. Und wenn sie etwas aß, dann waren das wohl ein Bissen von einer Scheibe Brot oder zwei Gabeln Spaghetti. Ich war so erschrocken als ich sie so sah. Ab diesem Tag verbrachten mein Freund und ich dann mehrere Abende am Stück bei ihr und versuchten, lieb mit ihr zu sprechen, sie aufzumuntern, ihr gut zuzureden. Am ersten Abend schaffte sie es dann nach mehreren Stunden, wenigstens zwei Scheiben Toastbrot zu essen. Sie versprach uns, daß sie am nächsten Morgen etwas frühstücken wird. Doch am Vormittag rief uns ihr Freund dann an und sagte, sie könne wieder nicht essen weil sie denke, daß eine Katastrophe passiert sobald sie etwas ißt. Ich habe dann zwei Stunden mit ihr telefoniert, aber ohne Erfolg. Am Abend sind wir dann gleich wieder zu ihr gefahren. Sie wußte nicht, daß wir kommen, wir hatten das mit ihrem Freund ausgemacht. Als wir die Wohnung betraten deutete er mir den Weg zur Küche. Also ging ich in die Küche und da stand meine Schwester, splitternackt und das wohl schon seit 1 1/2 Stunden. Ich nahm sie erstmal in den Arm und streichelte ihr über ihre Haare. Sie sagte mir weinend, daß ihr eine Stimme verbietet, die Küche zu verlassen, bevor sie nicht etwas gegessen hat, aber essen könne sie nicht. Aber widerum dürfte sie auch keine Kleidung anziehen wenn sie nichts gegessen hat. Nach langer Zeit konnte ich sie dazu bewegen, die Küche zu verlassen und sich wenigstens ins Bett zu legen damit sie nicht so friert. Wir gaben uns alle wieder so viel Mühe um ihr zu zeigen, daß wir für sie da sind und ihr helfen wollen. Sie sagte an diesem Abend, sie fühle sich so ungeliebt. Ich sage meiner Schwester sehr oft, daß ich sie sehr lieb habe. Aber das scheint nicht bei ihr anzukommen. An diesem Abend konnten wir sie auch nicht mehr zum essen bewegen. Am nächsten Abend gingen wir wieder zu ihr. Sie hatte natürlich wieder nicht gegessen und lag nackt im Bett. Wir hatten ihr an diesem Abend ein paar Dinge mitbegracht mit denen wir ihr helfen wollten. Wir hängten ihr an das Regal an ihrem Bett jeweils ein Foto von uns auf und schrieben darauf, daß wir sie ganz arg lieb haben. Das sollte dafür sein, wenn sie morgens traurig aufwacht und sich ungeliebt fühlt, daß sie dann die Bilder sieht und merkt "ah, da sind ja doch Menschen die mich lieben". Darüber hatte sie sich wohl auch gefreut.

Da sie ihre eigene Kleidung nicht mehr anziehen darf, brachte ich ihr für zuhause einen ganz arg warmen Kuschelbademantel und sagte ihr, der wäre neutral und den dürfe sie immer tragen. Sie muß doch wenigstens ein Kleidungsstück haben damit sie nicht immer nackt ist. Wir brachten auch Kartoffeln mit und wollten ihr eine schöne Suppe kochen. Aber sie sagte, Suppe essen wäre ihr für die nächsten 10 Tage verboten.

Ich sprach an diesem Abend auch noch lange mit ihrem Freund der mir sehr viel erzählte. Er sagte, er müsse jeden Tag für zwischen 50 und 80 Euro einkaufen gehen. Es müssen zum Beispiel mindestens 4 Kästen Sprudel gebracht werden damit sie sich aus diesen 4 Kästen eine Flasche aussuchen kann, die sie trinken darf laut ihrer inneren Stimme die ihr immer alles verbietet.
Und genauso verhält es sich auch mit dem Essen. Es müssen mehrere Packungen Toast dastehen, mehrere Packungen Nudeln, sie muß eine ganz große Auswahl haben um sich eine Packung herauszupicken. So geht ihr Freund also jeden Tag für sehr viel Geld einkaufen, aber das Ergebnis ist immer, daß er in ihren Augen wieder etwas falsch gemacht hat, indem er zu wenige Packungen von einem Lebensmittel gebracht hat und dann wird wieder nichts gegessen. Die Küche ist voll von Lebensmitteln, so viel hat kein anderer Mensch zu hause. Aber was man auch kauft und bringt und kocht, alles ist falsch.

Wir haben ihr alle gesagt, daß sie dringend professionelle Hilfe braucht. Sie geht zwar wöchentlich zur Verhaltenstherapie, aber die scheint nichts zu bewirken und erhlich gesagt frage ich mich auch, ob sie ihrem Psychologen die Wahrheit sagt. Sie ist nicht bereit zu einem Arzt zu gehen. Ärzte und Medikamente lehnt sie seit Jahren ab.

Sie liegt aber vor lauter Hunger manchmal nur noch mit Magenkrämpfen auf dem Bett und ihr ist schwindelig.

Ich habe dann gestern beim Kriesen-und Notfalldienst angerufen. Wir wollten nämlich einen Arzt rufen, der ihr hoffentlich helfen kann. Nun wußten wir nicht wie wir uns verhalten sollen, ob wir ihr sagen sollen, daß wir nun einen Arzt holen oder es einfach tun und der Arzt steht dann auf einmal vor der Tür. Wir haben nämlich große Angst vor ihrer Reaktion wenn ein Arzt kommt. Sie hat schon oft damit gedroht, daß sie nie wieder mit uns sprechen wird wenn wir einen Arzt holen. Und wir haben Angst, daß sie ausrastet wenn ein Arzt kommt vor lauter Panik.
Ich schilderte der Dame vom Kriesendienst die Situation und sagte ihr, daß wir der Meinung sind, meine Schwester müsse dringend ins Krankenhaus und an einen Tropf damit ihr Körper wenigstens mit dem Wichtigsten versorgt wird. Die Dame sagte mir, wir könnten nichts machen. Eine Einweisung ins Krankenhaus gegen ihren Willen wäre in diesem Fall nicht möglich da noch keine Eigengefährdung vorliege. Ich sagte ihr dann, daß das doch auch eine Eigengefährdung sei auf lange Sicht, denn irgendwann macht der Körper nicht mehr mit. Aber die Frau sagte mir wieder, wir hätten keine Möglichkeit, es wäre keine Eigengefährdung und wir müßten praktisch abwarten bis meine Schwester zusammenklappt.

Meine Schwester muß professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, sie selbst bekommt die Kurve bestimmt nicht und wir können ihr nicht helfen. Wir versuchen zwar alles, aber es bringt nichts, es bessert sich ja nichts.

Wir waren jetzt tagelang jeden Abend bei ihr und wollten helfen und das Ergebnis war nun, daß sie uns als eine verschworene Clique gegen sie beschimpft.

Ich hätte ihr die Psychiatrie so gerne erspart, denn ich weiß, daß es dort sehr unangenehm sein kann. Aber wenn es so weiter geht und sie nicht freiwillig Hilfe in Anspruch nimmt, wird es so kommen.
Aber wir haben alle Angst davor, den Moment abzuwarten, bis ihr Körper nicht mehr kann und sie zusammenklappt.

Ihr Freund ruft mich täglich weinend an vor Verzweiflung. Und meine Schwester bezeichnet ihn als den Schuldigen weil er sie angeblich nicht hochpäppelt und nicht in der Lage ist, sich um sie zu kümmern. Er tut alles was er kann, er hat schon lang kein eigenes Leben mehr.

Es ist so belastend, ich habe jede Nacht Albträume von meiner Schwester.

Wir sind alle so verzweifelt und mit unserem Latein am Ende. Wir können und dürfen doch nicht mit ansehen wie sie jeden Tag schwächer wird und irgendwann zusammenbricht.

Habt Ihr noch einen Rat was wir tun können?

Ich wäre Euch allen sehr dankbar. Es kann so einfach nicht mehr weiter gehen.

Liebe Grüße

Shellie

Pit-2001

unregistriert

2

Sonntag, 9. September 2007, 01:40

RE: Hilfe! Die Zwänge verbieten meiner Schwester zu essen!

Da kriegt man ja Mitleid ankro, wenn man das liest.

Ich schreib jetzt einfach mal was mir einfällt, auch wenn es kein Rat sein sollte:


Erstens würde ich wissen wollen, ob das wirklich Zwänge sind oder was anderes. Welche Stimme verbietet ihr was? Ist das die Stimme des Zwanges, den wir Zwängler alle kennen oder sind das irgendwelche Stimmen, die sie hört?

Dies könnte dann eine andere Störung sein, die zu beurteilen ich mich nicht in der Lage sehe. Hier müsste wirklich ein Psychiater befragt werden. Vielleicht könnte ihr zu einem gehen und euch Rat holen, sollte dies so sein.

Ansonsten lese ich wenig darüber, welche Gespräche ihr mit ihr führt.
Geht es da nur ums Überleben und das tägliche?
Oder ist niemand in der Lage, mit ihr über ihre seelischen Nöte zu fachsimplen, so doof das jetzt klingt? Ich meine, mit dem Ziel, dass sie sich in solchen Gesprächen verstanden fühlen kann und entlasten kann?
Hinter allen Zwängen stecken Ängste, oft unausgesprochene, die man keinem erzählen will usw. - Wenn Sie Liebe nicht annehmen kann, dann vielleicht, weil diese Gespräche vorausgehen müssen.

Ich wünsche euch allen Erfolg der Welt, dieser armen Person zu helfen, ein wenig Entlastung zu spüren.

Viele Grüße

Pit

Shellie

unregistriert

3

Sonntag, 9. September 2007, 13:14

Lieber Pit,

ich danke Dir vielmals für Deine Antwort und daß Du Dir die Zeit genommen hast, meinen sehr langen Beitrag zu lesen.

So wie meine Schwester es mir erklärte, hört sie nicht direkt Stimmen, sondern eine Stimme in ihren Gedanken verbietet ihr all diese Dinge. Sie sagt, sie nimmt sich zum Beispiel vor, an den Kleiderschrank zu gehen und etwas anzuziehen und dann kommt gleich der Gedanke "nein, das darfst Du nicht, sonst passiert etwas schlimmes".

Ich glaube, hätte sie damals als das mit den Zwängen noch nicht so schlimm war wie heute, etwas unternommen wie zum Beispiel eine Therapie, dann würde es ihr jetzt viel besser gehen. Aber jetzt ist es einfach zu weit fortgeschritten.

In unseren Gesprächen mit ihr geht es nicht nur um das Essen und somit das Überleben, sondern wir reden schon auch darüber, was dahinter stecken könnte.

Ich selbst war früher auch psychisch krank, hatte unter anderem auch Zwänge, aber lang nicht so ausgeprägt wie es bei ihr ist. Aber dadurch, daß ich die Erfahrung von Zwängen selbst auch schon machen mußte, glaube ich zumindest, mich wenigstens ein bißchen in sie hineinfühlen zu können. Ich gehe mit den Gesprächen mit ihr sehr vorsichtig um weil ich denke, man darf sie zu nichts drängen.

Mein Freund kann sehr gut mit ihr reden. Sie selbst sagte mir neulich nach einem Gespräch mit ihm, daß sie beeindruckt wäre, wie gut sie mit ihm darüber reden kann und daß ihr die Dinge die er sagt gut tun.
Aber leider tun ihr die Gespräche immer nur gut, so lange wir bei ihr sind, sobald man geht, scheint sie das alles wieder zu vergessen.

Mein ganz eigenes Problem bei der ganzen Sache ist, daß ich leider auch kein besonders stabiler Mensch bin, jedenfalls noch nicht.
Ich war viele Jahre psychisch krank mit schrecklichen Ängsten und Depressionen und konnte vieles im Alltag nicht mehr erledigen. Ich war auch monatelang deswegen im Krankenhaus. Leider mußte ich auch starke Tabletten nehmen und das über 5 Jahre lang. Nun, vor zwei Monaten besprach ich mit meinem Psychiater, daß ich die Tabletten nun absetzen werde. Ich wollte endlich wieder ein Leben ohne Tabletten führen. Die Zeit ohne Tabletten war erstmal sehr hart und mir ging es furchtbar. Ich habe ganz arg gekämpft damit es mir jetzt ein wenig besser geht. Aber es ist noch immer oft sehr schwer. Ich weine sehr oft wegen meiner Schwester weil ich ihr doch alles Glück der Erde wünsche und daß sie einfach wieder ein normales Leben führen kann. Oft sitze ich bis 5 Uhr morgens wach da und kann nicht einschlafen weil meine Gedanken nur bei ihr sind. Ich liebe meine Schwester doch und ich möchte ihr so gerne helfen, aber gleichzeitig habe ich auch Angst, daß mich diese Situation auch wieder krank machen könnte weil die Belastung einfach riesig ist und ich auch kein gesunder Mensch bin.
Jeden Morgen wenn ich aufwache frage ich mich, ob meine Schwester die Nacht wohl gut überlebt hat oder ob sie mittlerweile zusammengebrochen ist.
Ich rufe sie sehr oft an, eigentlich fast täglich, aber meistens darf ich nicht mit ihr sprechen weil sie es nicht will oder nicht kann.

Als ich selber schwer psychisch krank war, war für mich das wichtigste zu spüren, daß Menschen um mich rum sind, die mich lieben und für mich da sind. Leider hatte ich damals selbst das Pech, daß sich eigentlich niemand außer meine Mama um mich gekümmert hat. Im Krankenhaus besucht hat mich zum Beispiel keiner sonst, auch meine Schwester nicht. Nie.

Wir möchten ihr alle zeigen, daß wir sie lieben und für sie da sind.

Sicher hat meine Schwester Probleme und ich bin mir sicher, daß diese Probleme die Zwänge auch auslösen, jedenfalls zum Teil.
Sie hat seit 9 Jahren einen Freund, sie war damals sehr verliebt in ihn, jetzt haßt sie ihn aber. Aber sie fühlt sich von ihm abhängig, weil er sie seit Jahren überall mit dem Auto hinfährt, sie fährt nämlich auch nicht mit Straßenbahn oder Bus und er macht ja alles was sie will. Sie sagte mir, sie hasse ihn, könne aber nicht ohne ihn weil sie eine ständige Betreuung braucht.
Genau deswegen dachten wir, wäre es doch gut, sie kommt aus diesem Umfeld mal raus. Wir boten ihr dann an, einfach mal ein paar Tage bei uns zu verbingen. Ich sagte ihr, daß ich es ihr ganz gemütlich bei uns zu hause herrichten würde und sie umsorgen würde. Ich sagte ihr auch, daß sie nicht denken braucht, sie müßte ihre Zwänge versuchen zu verstecken wenn sie bei uns ist, nein, sie kann so sein wie sie einfach im Moment ist und daß wir jederzeit für sie da sind.
Sie sagte, daß sie das gerne möchte. Also verabredeten wir, daß sie zu uns kommt. Doch am nächsten Tag als wir sie darauf ansprachen und fragten zu welcher Uhrzeit wir sie denn abholen sollen damit sie zu uns kommt, sagte sie, nein es ginge nicht, sie wäre innerlich noch nicht in der Lage dazu.
Ich glaube, es wäre wichtig für sie, einfach mal zu spüren, daß es auch ohne ihren Freund geht. Sie geht seit mindestens 6 Jahren keinen einzigen Schritt mehr ohne ihn. Ich glaube, sie muß spüren, daß sie auch ohne ihn leben kann. Sie sagte mir mal, daß sie ihn so haßt und sobald es ihr wieder gut geht, wird sie ihn sofort verlassen. Das ist aber auch schlimm für ihn, denn er geht an der ganzen Geschichte auch kaputt und eigentlich wird er nur noch benutzt und beschumpfen.

Wir machen wirklich alles was uns möglich ist, aber sie lehnt auch alles ab. Sie sagt wirklich zu allem NEIN!

Sie sagte mir, sie ißt manchmal auch nichts, um ihren Freund damit zu bestrafen. Aber wir sagten ihr, daß sie damit eigentlich nicht ihren Freund bestraft, sondern nur sich selbst, denn wer darunter am meisten leidet, ist sie selbst.

Und dann sagte sie mir noch, daß die Zwänge eigentlich alle mit dem Essen zu tun hätten. Wenn sie es morgens schaffen würde, zum Frühstück etwas zu essen, dann wären ihre Zwänge auch tagsüber nicht so schlimm. Es hängt also angeblich immer mit dem Essen zusammen. Wenn sie nicht ißt, darf sie sich nicht anziehen, darf sich nicht waschen, darf nicht Klavier spielen...... und dabei ist gerade das Klavier spielen etwas, was ihr so viel gibt. Aber wenn sie dann nichts gegessen hat und dadurch alles andere nicht darf, ist der Tag natürlich kaputt und es geht gar nichts mehr. Und dann sucht sie immer einen Schuldigen, meist ihren Freund, der mal wieder nicht genug Toastbrot-Packungen gekauft hat damit sie sich eine Packung raussuchen kann.

Und ich glaube, das ist ein Fehler, die Schuld nur bei den anderen zu suchen. Tief in ihr drin ist ein Problem, dem sie sich entweder nicht stellt oder mit dem sie nicht fertig wird und das wäre doch wichtig, das herauszufinden, denn dann könnte man vielleicht etwas machen.

Jetzt ist mein Beitrag wieder sehr lang geworden aber ich hab einfach alles geschrieben was mir gerade in die Gedanken kam. Und daß ich geschrieben habe, daß ich Angst habe, selbst wieder dadurch krank zu werden, das soll nicht etwa egoistisch sein, denn das bin ich leider kein bißchen, ein bißchen Egoismus wäre manchmal nicht schlecht.

Aber auch die Angehörigen leiden nun mal unter so einer schwerwiegenden Krankheit und ich muß einfach aufpassen weil ich selbst nicht wirklich gesund bin und nicht stabil.

Liebe Grüße

Shellie

Pit-2001

unregistriert

4

Sonntag, 9. September 2007, 14:28

Liebe Shellie,

hab grad nur deine Einleitung gelesen, die ja schon zeigt, dass es typische Zwangsbefehle sind.

Deine Liebe zu deiner Schwester rührt mich. Mein Bruder (einzige) hat mich bewusst und grob verlassen, weil er mit den Zwängen und den vermeintlichen Ursachen nichts zu tun haben will, weil er mir zeigen will, dass er sie brechen kann! Wie das wehtut, weiß niemand. Schreibe ich ihm, kommt einfach keine Antwort. Meine Mutter tut das Gleiche.
Einen Vorteil hat das Ganze. Sie beweisen mir dadurch ohne Worte, dass diese Familie in der Lage war zu "töten", auch wenn es gerade das ist, was sie vehement ablehnen, von dem sie sich reinwaschenwollen, aber mit einem Mittel, was Ihre Schuld beweist.

Ich wollte nie über Schuld mit ihnen sprechen, aber jetzt haben sie sich schuldig gemacht, so sehr ich ihnen das in der Kindheit vergeben wollte.

Zu dir zurück: es ist wunderschön, zu sehen, wie du dich für deine Schwester einsetzt, wenngleich gerade in deiner Situation jeder verstehen würde, wenn du dich zurücknehmen würdest.

Du schreibst das auch sehr richtig, es tut gut, zu wissen, dass Menschen da sind, die einen lieben, auch wenn man diese Liebe manchmal nicht zu erwidern in der Lage ist.

Das mit dem Freund deiner Schwester ist schlimm. Ich kann dazu nur sagen, dass Zwänge und solche Sachen Beziehungen dermaßen verunstalten können. Ich verstehe das.

Aber was hat sie in ihrem Dasein? Irgendwo reagiert sie sich ab.

Ich kann dir dazu auch keinen Rat geben, zumal aus der Entfernung, auch zu deiner eigenen Lage nicht.

Eines fühle ich und sage es immer wieder. Liebe ist weit und unheimlich weich, aber das ist nur eine Seite der Liebe. Doch wenn diese geübt wird, darf sie auch hart sein. Und unbewusst, behaupte ich jetzt mal, sehnen sich solche Menschen auch nach einer gewissen Härte. Menschen, die nur weich sind, geben ihnen letztlich keinen Halt, es könnte sogar soweit kommen, wie mir ihrem Freund. Verstehst du, was ich meine?

Vergiss nie, dass Liebe zwei Seiten hat und die zweite dann ein Recht bekommt, wenn die erste ausgeübt wird, was immer das dann für Konsequenzen haben mag, die überlegt gehören.

Ich drück dich und fühl mich eurem Leid etwas verbunden.

Pit

5

Sonntag, 9. September 2007, 15:23

Hallo Shellie,

du kannst für deine Schwester letztendlich nur das machen, was sie selbst zuläßt. Du musst ein Stück weit loslassen. Ich weiß und kann das gut nachfühlen, wie wichtig es dir ist, um sie zu kämpfen, für sie ganz und gar da zu sein. Alles zu tun, damit sie endlich ißt, sich nicht von dem Zwang im wahrsten Sinn des Wortes auffressen läßt. Momentan sind drei Personen um sie herum, die sie auffangen, die machen, die alles erdenkliche tun, nur damit sie ißt, nur damit sie etwas für sich tut. Solange sie diese Aufmerksamkeit hat, die ja sehr intensiv ist, kann sie auch so weitermachen. Schuldig werdet natürlich immer nur ihr sein, egal, ob ihr etwas für sie tut oder nicht. Es wird nie ganz und vollkommen recht sein, es wird nie stimmen, denn ihre Stimme, ihr Zwang sagen immer etwas anderes. Diese Gedanken sind so präsent, dass sie für sie die wahre Realität sind. Sie kann nicht mehr, zum Teil will sie auch nicht mehr, zwischen real und gedanklich unterscheiden. Ihre Angst erscheint ihr IMMER als real. Natürlich benutzt sie, wie ihren Freund sehr extrem, um den Zwängen nachzugeben. Sie wird ja so oder so immer sehr gut aufgefangen, auch wenn sie dabei eigentlich immer mehr leidet, besonders, wenn sie so sehr abmagert und es irgendwann lebensbedrohlich ist, das sie dann bald wirklich nicht mehr entscheiden kann, ob sie was ißt oder ob sie einfach warten soll, nur damit nichts passiert. Das "Problem" ist ja nun auch für dich, dass du dich deiner Schwetser gegenüber verpflichtet fühlst, weil ihr Geschwister seit, und sie auch liebst und alles tun würdest. Irgendwann kannst auch du nicht mehr, so sehr du dich auch anstrengen wirst, so sehr du dich auch bemühen wirst, du stellst deine eigenen Bedürfnisse zurück, aus einem sehr verständlichen Grund. Du glaubst, dass die Kraft da sein wird, es wird schon irgendwie gehen, irgendwann ist es aber nicht mehr so.. irgendwann musst du dich aber auch wieder für dich entscheiden, weil dein Körper selbst irgendwann aufhört, zu funktionieren. Eine Grenze zu setzen, für dich, ist fruchtbar schwer, weil man glaubt, man handelt egoistisch oder könnte den anderen verletzen, ich verstehe das nur zu gut. Und momentan beweist du wahnsinnig viel Stärke, für deine Schwester aber auch für dich.

Die Situation ist wirklich schwieirig, ich musste auch schon einmal eine Entscheidung treffen, hole ich den Notarzt oder lieber nicht, weil ich zu viel Angst vor den Konsequenzen hatte. Ich habe mich für den Notarzt entschieden, und es war furchtbar für mich, weil ich mich schuldig fühlte, weil ich ganz genau wusste, da ist diese Person auch nicht auf Dauer gut aufgehoben. Aber ich wusste, in diesem Moment war es die Entscheidung, die ich zu treffen hatte, um auch mein Leben zu schützen und weil es einfach irgendwann einmal nicht mehr geht. Du kannst dich noch so sehr wenden, machen und tun, ihr gut zureden, ganz lieb sein.... sie muss sich für ihr Leben entscheiden wollen, anders funktioniert es nicht. Emotional an die Ursachen ranzukommen, braucht seine Zeit und verlangt wirklich gute emotionale Begleitung, was nicht unbedingt damit therapeutisch gemeint ist.

Momentan gibst du so viel, bist bereit, alles zu tun, alles erdenklich mögliche. Es wird aber nicht fruchten, wenn sie selbst nicht in der Lage ist und will, sich für sich zu entscheiden. So, wie du es erzählst, scheint ihr ja vieles rational sehr bewusst zu sein. Eure starke Präsenz erlaubt es ihr auch, ihre Zwänge auszuleben. Ich will damit nicht sagen, dass du dich entfernen sollst, sondern einfach, dass du für dich emotionale, aushaltbare grenzen setzt, die vielleicht deine Schwester verurteilt, weil du dann in ihren Augen nicht mehr so da bist, wie sie es sich vorstellt bzw. dich beschuldigt, dass es ihr deswegen schlechter geht. Das ist ebenfalls schwer auszuhalten, für dich schwer, das kann ich auch gut nachvollziehen, aber auf Dauer wird es einfacher, und sie wird irgendwann in der Lage sein, sich für sich selbst zu entscheiden. Dann, genau dann, ist es wichtig, für sie da zu sein, ihr Hilfe anzubieten. Viele der Wege muss sie dann allein gehen, aber sie kann sich eben stets gewiss sein, dass sie Menschen um sich hat, die sie annehmen und begleiten.

ich wünsche dir alles Gute,

Anna

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Anna32« (9. September 2007, 15:27)


Pit-2001

unregistriert

6

Sonntag, 9. September 2007, 18:33

Nochmal kurz:

Was ich am Schluss in Bildern sagte, ohne deutlich zu werden, hat Anna 32 versucht praktisch zu beschreiben.

Wichtig an Annas Beitrag finde ich, dass sie deutlich macht, dass der der im Rahmen der Liebe auch Härte übt, trotzdem da ist. Härte heißt hier nicht, jetzt endlich Ruhe zu haben vor dem Quälgeist, wie viele Zeitgenossen das falsch verstehen. Diese Art Härte wird vom Erkrankten ganz sicher nur als weiteres Trauma ausgelegt.

Und wenn man so herangeht, braucht man ja auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man Grenzen setzt für sich und den anderen.
Man ist dann auch da, nur etwas anders.

Pit

7

Montag, 10. September 2007, 00:42

RE: Hilfe! Die Zwänge verbieten meiner Schwester zu essen!

So wie Du es beschreibst, handlet es sich um einen akuten Fall und bei zu wenig Gewicht ja möglicherweise auch um einen lebensbedrohlichen Zustand. Da ist ganz klar prof. Hilfe von außen angesagt. Deine Schwester wird irgendwann dafür dankbar sein. Kinder sehen auch nicht alles sofort ein, was verboten ist.