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Montag, 23. August 2004, 09:52

Wer bin eigentlich ich?

Hallo zusammen,

in letzter Zeit frage ich mich ziemlich oft, wer ich eigentlich bin.

Von mir wird ständig Verständnis, Mitdenken (findet mein Mann es richtig, wenn ich dies oder das mache, oder gibt das wieder eine Katastrophe) und Voraussicht (den Zwang betreffend) erwartet. Und bei all dem muß ich meinen eigenen Gefühle so gut es geht verbergen, oder muß eben (sinnvollererweise) versuchen, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen, ansonsten laufe ich Gefahr, dass es wieder Streit gibt.

Letztens z.B. (wir kamen alle zusammen von draußen herein, und dann müssen wir sowieso erst mal alle baden, bevor wir „richtig“ in die Wohnung hineindürfen) war ich z.B. gerade aus der Wanne heraus, und musste gleich wieder hinein und noch mal baden und Haare waschen. Dabei war ich doch sauber!
Anschließend musste ich die ganze Wohnung wischen, weil wir ja mit den Füßen, mit denen wir in den Straßenschuhen waren, in´s Bad gegangen sind.
Nachdem ich dann alles fertig hatte (eingekaufte Lebensmittel wegräumen, Essen machen, zwischendurch natürlich -zig mal Hände Waschen, immer nachdem ich was von den eingekauften Sachen angefaßt habe, dann Kinder beköstigen, Kinder in´s Bett bringen) habe ich dann (wie immer in letzter Zeit) das Wasch- und Baderitual meines Mannes „beaufsichtigt“. Dieses Mal hat er ca. 3 Stunden gebraucht (beim letzten Mal waren es 4!). Wenn ich nicht daneben sitze, kann es sein, dass er wütend wird, weil er sich selbst nicht mehr vertraut, ob er dies oder das oder jenes ordentlich gemacht hat, und er hat schon öfters gesagt, er würde dann in der Wanne schlafen. Aber so „egoistisch“ kann ich nicht sein. Also sitze ich stundenlang daneben, obwohl ich selber kaputt und müde bin und obwohl es unbequem ist, stundenlang auf der (geschlossenen) Toilette zu sitzen. Letztens habe ich ihm etwas vorgelesen, um ihn etwas abzulenken, denn wenn er wütend ist, funktioniert sein „Ritual“ sowieso nicht, und er wird immer wütender …
Nachdem er sich dann desinfiziert hat und geschwitzt hat, muß ich ihm (2 mal) Duschbad auf Kopf und Hände gießen, da er ja nichts anfaßt, was andere Leute (in dem Fall die Kassiererin) angefaßt haben könnten. Dann wäscht er sich und nach dem Abspülen läßt er sich an der Luft trocknen. Ein Handtuch benutzt er so gut wie nie, und wenn doch, dann geht er naß in´s Schlafzimmer und holt sich ein frisches. Aber so oder so ist der Boden jedesmal naß, was mich ärgert.

Als er dann endlich fertig war, war es schon weit nach Mitternacht. Wir haben dann gegessen und einfach noch ein paar Minuten so gesessen. Als wir dann in´s Bett wollten, hat er im Flur auf dem Fußboden eine winzige Spinne entdeckt, die ja mit Sicherheit nur von draußen hereingekommen sein kann. Also musste ich die Spinne fangen (mit Handschuh) und (nachts um 3) noch mal die ganze Wohnung (mit Desinfektionsmittel) wischen, denn wer weiß, wo die schon überall war. Und ich musste seine und meine Füße desinfizieren. (Ich konnte ihn grad noch so davon abbringen, noch mal zu baden) Dann durfte ich in´s Bett.

Und bei dem ganzen frage ich mich eben öfters: Wer bin eigentlich ich???

Ani

Smartie

unregistriert

2

Montag, 23. August 2004, 10:32

RE: Wer bin eigentlich ich?

Liebe Ani,

du weißt, dass ich "ungefähr" (mehr kann es nicht sein) verstehe, was du durchmachst.

Wenn ich deinen Beitrag heute lese, dann kommt mir ganz spontan ein Gedanke, der mich auch nicht wieder losläßt.

Du mußt, auch wenns weh tut, ein Zeichen setzen... eine Linie ziehen, die klarmacht: "Es muss sich etwas ändern, wenn nicht alles in einer Katastrophe enden soll". Denn sowas, wie du es beschreibst, kann man nicht auf Dauer mitmachen, dann geht über kurz oder lang etwas oder alles kaputt...

Ich weiß selber, wie schwer es ist, den Ratschlag der Experten zu befolgen, sich selber nicht aufzugeben, den Zwang nicht vorbehaltlos zu unterstützen, auch wenn es manchmal einfacher erscheint. Es ist sauschwer, aber wenn du es nicht machst, wenn du nicht auch mal an dich und deine Interessen denkst, dann gehst du kaputt.

Wenn nicht für dich, dann wenigstens für eure Kids...

Bitte!!!

Smartie

mandrill

unregistriert

3

Montag, 23. August 2004, 11:29

RE: Wer bin eigentlich ich?

Liebe Ani

Ich kann Dir nur eines sagen: Höre bitte auf, Dich dermassen in die Zwänge Deines Mannes verwickeln zu lassen. Wenn er 3 Stunden duschen will, bitte, das ist das seine. Aber ich würde mich nicht zwingen lassen, selbst so oft zu duschen oder gar den Boden aufzunehmen. Ich sage meiner Freundin oft, das mache ich nicht oder das kannst Du selber machen, ich auf keinen Fall. Das gibt immer wieder Riesenstress, aber ich bleibe da hart. Nur in gewissen Fällen mache ich Zugeständnisse, aber dafür haben wir gewisse Abmachungen getroffen. Ani, hör auf, diese Sachen zu tun! Sag nein.
Liebe Grüsse
Mandrill

4

Montag, 23. August 2004, 21:14

Wer bin eigendlich ich?

Hallo Ani! Früher habe ich auch 2 Stunden gebadet,das macht einen fix und fertig wenn man abends nach der Arbeit noch 2 Stunden im Bad verbringt.Habe mir gesagt das man nach 35 min. auch sauber sein muss,und die Badezeit radikal reduziert.Bin sehr froh das ich das geschaft habe.Ich trenne zwar auch alles in saubere und schmutzige Berreiche,versuche aber immer mehr realistisch zu denken.Solche Sachen wie 100 Tropfen zählen lasse ich bei mir niemals zu.Mit realistisch denken meine ich wenn ich in der Waschmaschine etwas bei 60 Grad wasche ist das sauber,wenn ich etwas desinfiziere ist das auch sauber usw.Grüsse Wolfi

5

Dienstag, 24. August 2004, 08:45

hallo ani!

ich bin selbst betroffen und schreib jetzt hier trotzdem mal was. mein freund richtet sein leben auch schon etwas nach meinen zwängen aus aber lange nicht so extem wie du. manchmal habe ich ein schlechtes gewissen deswegen, weil ich total übertreibe und das auch weiss. aber so bin ich nun mal. wenn wir etwas kochen, müssen wir immer das geschirr, das wir gerade zum kochen aus dem schrank genommen haben noch mal spülen bevor wir es benutzen. ich wechsele alle 10 minuten das geschirrtuch etc. er ist auch genervt, dass ich ständig "vorsicht!" rufe, oder "das nicht berühren!", wenn er in der nähe von etwas "infiziertem" in der wohnung sich bewegt und "gefahr läuft" es zu berühren...
gestern abend war meine freundin zu besuch und er und sie saßen sogar auf der couch ("höchstinfiziert"), ich nicht. danach habe ich gefragt, ob wir baden, aber es war schon 1 uhr und er war zu müde. ich hab's dann akzeptiert, obwohl ich mir schon gedacht habe, dass das so ne art "konfrontationstherapie" für ihn ist, wenn er sich ungewaschen in mein bett legt nachdem er auf der couch gesessen hat.
er hat momentan 2 wochen urlaub und ist schon seit einer woche bei mir. ich hab ihn gefragt, ob er manche dinge für mich machen kann und dann haben wir ausgemacht uns nicht auf die couch zu setzen in der zeit in der er hier ist. ich mache das sowieso nie, aber er will sich da eben manchmal hinsetzen weil es einfach bequemer ist natürlich. er fühlt sich eingesperrt wenn er bestimmte bereiche der wohnung aus für ihn unergründlichen geründen meiden muss, aber er tut es mir zu liebe. letzte woche hat er ein paar mal gesagt, dass er heimfährt, wenn ich so weiter mache, aber er ist geblieben...
ich habe wirklich ein schlechtes gewissen und hoffe meine tabletten fangen bald an wirkung zu zeigen. ich nehme sie schließlich heute seit 2 wochen.
zu dir kann ich nur sagen: deinem mann machst du somit natürlich alles leichter. ich kann mir vorstellen, wie viel du ihm durch deine ganzen handlungen an angst und arbeit abnimmst. eventuell wird er sogar agressiv, wenn du dich "falsch verhälst", kenne das ja unter umständen von mir auch. aber naja.. ich kann dazu eigentlich nicht viel sagen.. nur, dass ich selbst froh bin, wenn mein freund mir gewisse dinge abnimmt. aber auf der anderen seite habe ich ein wirklich schlechtes gewissen, dass mein freund soviel mehr arbeit durch mich hat.. bei dir ist das alles ja noch viel schlimmer und ich frage mich, wo das gewissen und die liebe da bleibt.. nimm dir zeit für dich... (ich weiss, das ist leichter gesagt als getan..)


gruß, rose

6

Dienstag, 24. August 2004, 08:56

Hallo, Ihr Lieben,

danke für Eure lieben Worte.

Ich habe selbst zuweilen das Gefühl, daß ich mich langsam aufgebe, manchmal fühle ich mich, als würde meine Sele langsam ausradiert werden, dann wieder fühle ich mich stark und denke, daß wir das alles schon irgendwie schaffen werden ...

Ich weiß auch, daß mein Mann sich wirklich mit vielen Sachen Mühe gibt, also Dinge tut, die er, wenn er allein wäre (also ohne Familie) niemals tun würde. So sind wir inzwischen ziemlich häufig draußen, meist 2 mal pro Woche, manchmal sogar 3 mal, und im Vergleich zu früher, als wir (die Kinder und ich) manchmal 3 - 4 Wochen überhaupt nicht an die Luft kamen, ist das doch wirklich ein Fortschritt.

Auch heute wollen (müssen) wir einkaufen gehen, und sinnvollerweise werden wir das wie fast immer mit einem Spaziergang verbinden. Jedoch kann der Mittlere momentan nicht selbst laufen, da einer seiner Schuhe, die immer im Auto stehen, bei der Fahrt umgefallen ist, d.h., der Schaft des Schuhs (der eigentlich ein Stiefel ist) hat den Fußboden vom Auto berührt. Jetzt braucht er erst einmal neue Schuhe.

Letztens beim Spazierengehen (am Samstag) hat mein Mann einen Kiefernzweig abgepflückt, was er seit Jahren nicht getan hat. Allerdings ist er dazu erst mal übers Feld gelaufen, was die Sache erst einmal erschwert hat, denn das Feld war abgeerntet, trocken und staubte, aber er hat es getan. Der Grund mit dem Feld war der, daß er keinen Zweig vorn am Weg abpflücken wollte, sondern einen, bei dem die Wahrscheinlichkeit, daß ihn jemand anders schon berührt haben könnte, geringer ist. (Es ist ja nicht so, daß er mit dem Kiefernzweig als solchem oder mit irgendwelchen anderen Sachen draußen als solchen ein Problem hätte, sein Problem ist es, daß alles von irgendwelchen kranken oder "abartigen" Menschen angefaßt worden sein könnte. Oder der "Dreck" ist irgendwie anders (z.B. durch Autoreifen oder Schuhsohlen) überall hin verteilt worden.)
Etwas später hat er dann sogar die Kinder den Zweig anfassen lassen. Der Mittlere, für den das nun absolut neu war, hat sich zuerst gar nicht getraut, aber dann fand er es lustig, mir damit in den Hals und den Kopf zu pieksen (er saß bei mir auf dem Rücken in der Rückentrage). Am Ende durften die Kinder den Zweig sogar mit in´s Auto nehmen. Ich halte das für einen großen Fortschritt, da bisher ja niemand draußen irgend etwas anfassen durfte.

Trotzdem weiß ich, daß die Schritte sehr, sehr klein sind ...
Und schwer - für uns alle.

Letztens hat er mich gebeten, eine Liste zu machen, in der alles stehen soll, wovor er Angst hat und was er deshalb nicht macht (könnt Ihr Euch vorstellen, wie lang die Liste sein wird???) , und dann wollen wir (will er) die Liste langsam von "leicht" anfangen abzuarbeiten. (Hoffentlich!!!!!)

In den letzten Tagen habe ich erst einmal sehr viel zu Medikamenten recherchiert, heute will er sich (telefonisch) mit seinem Hausarzt darüber unterhalten. Zuerst waren wir skeptisch Medikamenten gegenüber, da wir mit Medikamenten im Allgemeinen nicht leichtfertig umgehen, aber ich denke (und mittlerweile ist auch er der Meinung), ohne ein Medikament ist es aussichtslos, eine wirkliche Besserung zu erzielen.

Ich denke, wenn er uns nicht hätte, würde er niemals wieder aus diesem Sumpf herauskommen, er würde sich irgendwie damit abfinden und nur das nötigste außerhalb der Wohnung machen.

Und die Tatsache, daß wir uns (möglichst bald) ein Haus bauen wollen und dann ein eigenes Grundstück haben, auf dem vor allem die Kinder und auch wir beide dann viel mehr Möglichkeiten haben, hält mich (und ich denke auch ihn) am Leben.
Auch wenn das dann (wieder) mit einem riesigen Aufwand verbunden sein wird (sowohl kräftemäßig als auch finanziell - wir werden wieder alles, was wir später anfassen könnten, selbst machen und mit Sicherheit den Oberboden auf dem Grundstück erneuern), damit er das Gefühl haben kann, es ist "sauber" - aber so ist es allemal besser als jetzt.

Noch mal zu dem Thema waschen und baden: So ewig baden und sich desinfizieren muß nur er. Ich für mich kann mich ganz normal waschen oder baden (nur in Ausnahmefällen muß ich mir die Hände und/oder Füße mit Desinfektionsmittel übergießen, je nachdem, was vielleicht passiert ist). Nur eben manchmal (in letzter Zeit häufiger) findet er irgend etwas, weshalb ich dann noch mal baden muß. So z.B. war er letztens der Meinung, ich wäre zu nahe an ihm dran gewesen (ich war schon gebadet und er kam gerade von draußen herein). Natürlich nervt es dann, nochmal baden zu müssen, wenn man gerade fertig ist, und wenn man eigentlich viel wichtigere Sachen zu tun hat (die Kinder haben Durst, Hunger, ...), aber zum Glück brauche ich mich ja eben nur "normal" zu waschen. Das war - bis auf vielleicht 2 Ausnahmen, bei denen ich auch mal "heiß" baden mußte - auch schon immer so; mich auch noch körperlich so zu stressen, könnte er nicht über´s Herz bringen, also hat er sich das überlegt und ist immer damit klar gekommen (obwohl es ihm eigentlich - für sein eigenes Wohlbefinden - anders lieber gewesen wäre).

Ich bin froh über jeden (auch noch so keinen) Fortschritt seinerseits.

Manchmal allerdings weiß ich auch nicht mehr, woher ich die Kraft noch nehmen soll, fühle mich auch nicht selten "am Ende". Aber irgendetwas richtet mich irgendwann dann immer wieder auf.

Ich bin auch sehr froh, dieses Forum gefunden zu haben, wenigstens gibt es hier Menschen, die mich verstehen ...

Liebe Grüße,
Ani

7

Dienstag, 24. August 2004, 09:02

Liebe Rose,

habe gerade noch Deinen Beitrag gelesen, vielen Dank!
Welches Medikament nimmst Du denn?

Und - Happy Birthday!!! Alles Liebe für Dich!

Viele Grüße,
Ani

8

Dienstag, 24. August 2004, 13:27

Zitat

Original von Ani


In den letzten Tagen habe ich erst einmal sehr viel zu Medikamenten recherchiert, heute will er sich (telefonisch) mit seinem Hausarzt darüber unterhalten. Zuerst waren wir skeptisch Medikamenten gegenüber, da wir mit Medikamenten im Allgemeinen nicht leichtfertig umgehen, aber ich denke (und mittlerweile ist auch er der Meinung), ohne ein Medikament ist es aussichtslos, eine wirkliche Besserung zu erzielen.



Hallo Ani,

es ist in diesem Fall nicht leichtsinnig, an Medikamente zu denken.
Ganz im Gegenteil.
So, wie ich Deinen Beitrag gelesen habe, scheint Dein Mann ziemlich stark an den Zwängen zu leiden und Dich auch sehr sehr stark mit einzubeziehen.

Manchmal ist es durchaus sinnvoll, erst einmal Medikamente zu nehmen.
Einfach um sich etwas zu stabilisieren und Kraft zu sammeln, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen und vor allem, etwas daran ändern zu wollen.
Macht er denn eine Therapie oder hat sich schon einmal mit dem Gedanken auseinandergesetzt ?
( Ich habe bisher nur diesen Thread vor Dir gelesen, da ich länger nicht hier war und nicht weiß, ob Du es schon mal erwähnt hast. )

So schwer, wie es sich bei Deinem Mann anhört, sollte er dringend eine Therapie machen.
Und die Medikamente können sehr hilfreich sein, überhaupt therapiefähig zu werden.

Leider kenne ich genau dieses Problem, irgendwann derart in die Zwänge hineingeraten zu sein, daß es immer schlimmer wurde und ich nichts mehr konnte.
Und ich einen totalen Zusammenbruch hatte.

Dann erst habe ich mich entschlossen, endlich die SSRI ( Serotoninwiederaufnahmehemmer) zu nehmen um wenigstens etwas Lebensqualität zurückzubekommen.
Und es war eine der besten Entscheidungen.
Nach einigen Wochen begannen die ersten Besserungen und es wurde zusehends besser und ich war in der Lage, mich besser mit den Zwängen auseinanderzusetzen.
( Irgendwo in dem alten Forum, sofern man dort noch lesen kann, habe ich das mal genauer beschrieben )

Heute wird auch schon sehr oft eine Verhaltenstherapie mit Medikamenten unterstützt ( zumindest anfangs ) und diese Methode hat mit die höchsten Erfolgsquoten.

Bei mir haben diese Medikamente damals jedenfalls Wunder bewirkt. Ich war wieder in der Lage am Leben teilzunehmen und auch an den Zwängen zu arbeiten.

( Ich mußte sie dann irgendwann absetzten wegen Kinderwunsch und hatte danach zwei doch sehr unschöne traurige Erlebnisse, die mich leider wieder etwas instabiler haben werden lassen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich weiß wenigstens durch die damalige Erfahrung, wie ich mich wieder hochziehen kann und weiß, daß es wieder besser werden wird )

Auch ist für Dich wichtig, daß er anfängt eine Therapie zu machen.
Denn so wie Du Dich beschreibst und die Last die Du hast, indem du ihm sehr viel versuchst die Zwangshandlungen abzunehmen, wirst Du irgendwann einmal selber nicht mehr können.

( Ich weiß noch, wie fertig mein Mann damals war und habe erst hinterher, als es mir besser ging, gemerkt, WAS es für eine Belastung für ihn war. )

In der Therapie wird er auch lernen, daß es für ihn nicht förderlich ist, wenn Du ihm seine Zwangshandlungen abnimmst. Im Gegenteil. Es kann auf Dauer kontraproduktiv sein.
Das wird auch nicht von heute auf morgen gehen, aber es wird immer besser werden.

Ich kenne es auch, wenn ich mich immer wieder bei meinem Mann rückversichern mußte, ja nicht irgendwo gegen gekommen zu sein oder er mir die Entscheidung abnehmen mußte, ob etwas "verseucht" sei.

Er hat dann nur in den schlimmsten Zeiten darauf reagiert, wenn er sah, daß es mir wirklich dreckig ging.
Als es mir besser ging, hat er sich geweigert - meinte, daß müsse ich selber entscheiden. Hat sich auch nicht extra für mich die Hände gewaschen, oder ähnliches.


Jetzt hoffe ich, daß es doch nicht zu lang geworden ist.
Ich schreib zwar selten, aber wenn, kann ich mich immer nicht kurzfassen :D

viele Grüße von Ann

9

Dienstag, 24. August 2004, 15:05

Danke Ani...

...für die lieben Glückwünsche! :)

Ich nehme fluvoxamin-neuraxpharm, momentan 75 mg. am freitag ist wieder dosis-erhöhung, ab dann 150 mg. weiss net, ob danach weiter erhöht wird.
bis jetzt merke ich ausser gelegentlichen nebenwirkungen (hauptsächlich übelkeit!) noch nichts..

10

Dienstag, 24. August 2004, 21:52

Hallo Ann,

vielen Dank für Deinen Beitrag, ich konnte ihm viel entnehmen.

Könntest Du mir vielleicht mal beschreiben, wie Dein Medikament (welches?) gewirkt hat, d.h., wie es Dein Gefühl (die Zwänge betreffend) beeinflußt hat? Konntest Du dann z.B. Sachen anfassen, die Du vorher nicht anfassen konntest, hattest Du dann immer noch das Gefühl, z.B. von irgendwelchen Gegenständen könnte eine Gefahr für Dich ausgehen?
Mußtest Du Dich dann immer noch ständig waschen, oder konntest Du das weniger oft machen? Hattest Du weniger Angst?

Es wäre sehr schön, wenn Du das so genau wie möglich beschreiben könntest.

Und was hattest Du dabei für Nebenwirkungen und wie haben diese sich im gesamten Verlauf der Einnahme entwickelt?

Entschuldige bitte meine Fragenflut ... Aber ich bin so hungrig nach Antworten.

Liebe Grüße,
Ani

11

Mittwoch, 25. August 2004, 11:04

Hallo Ani,

ich werde es mal versuchen, noch genau hinzubekommen.

das Medikament war Paroxat ( Wirkstoff Paroxetin, gehört zur Gruppe der SSRI )

"kurze" Vorgeschichte

Die Zwänge, an denen ich schon ewig litt, aber teilweise beherrschbar waren, zeitweise auch ganz verschwanden, begannen ganz langsam und schleichend sich immer mehr einzustellen.
Ich habe das nicht so richtig wahrgenommen, vielleicht wollte ich es auch unbewußt nicht, ich weiß es nicht.

Zumindest ging es doch schon über bestimmt zwei Jahre, daß es ganz langsam, schleichend, immer schlimmer wurde.

Im September 2001 war dann der Höhepunkt erreicht. Ich war eigentlich zu gar nichts mehr fähig.
Ich konnte kaum noch rausgehen - da war nur noch alles "böse & verseucht."

Der "Extrem-"Auslöser war im nachhinein vielleicht gar nicht so weltbewegend, aber ich war bereits so weit unten, daß er wohl ausreichte.
Ich bekam einen sehr starken Panikanfall. Die "üblichen" Handlungen, wie duschen, waschen der Klamotten reichten nicht mehr aus.
Die Panikanfälle auf dieses Ereignis kamen trotzdem immer wieder.

Dann war es soweit, daß ich auch in der Wohnung nichts mehr machen konnte.
Alles war "verseucht". Ich konnte mich dort kaum noch bewegen, nichts berühren.
Bei nur der kleinsten Idee, ich könnte etwas berührt haben, das "böse" ist, mußte ich die Klamotten wechseln, noch einmal duschen.

Das steigerte sich rasend schnell, so daß ich irgendwann kaum noch etwas zum anziehen hatte. Mit dem waschen kam ich nicht mehr hinterher.
Meist mußte ich doppelt waschen - ich hätte ja irgendwo gegen gekommen sein können mit dem Wäschekorb.

Dazu kam dann diese unerträgliche Depression ( die eigentlich nicht vermeidbar waren, da ich das Gefühl hatte, ich kann mich gar nicht mehr bewegen ) - schwer beschreibbar.
Diese Leere, dieser Krankheit so hilflos ausgesetzt zu sein. Irgendwie nicht mehr ich selber zu sein.
( Sonst war ich eigentlich immer relativ gut gelaunt, habe gerne gelacht - das war plötzlich nicht mehr da.)

Ich habe mich im Prinzip nur noch von Panikanfall zu Panikanfall gehangelt, nur noch darüber nachgedacht, ob ich jetzt irgendwo wieder etwas "böses" berührt habe usw.

Dann bin ich gar nicht mehr rausgegangen, mein Mann mußte alles einkaufen und auch im Haushalt machen.
Gegessen habe ich so gut, wie kaum noch. - Ständig habe ich etwas am Essen entdeckt, das ja hätte "böse" sein können und mir schaden können.
Ich hatte keinen Appetit mehr.
Ich nahm dann in ganz kurzer Zeit ca. 15 Kilo ab.

Im Prinzip wußte ich , was mit mir los war, ich litt ja schon lange an Zwängen, hatte diverse Bücher gelesen, nur reichte das nicht mehr aus.
Bisher hatte ich mich immer geweigert, Medikamente zu nehmen. ( Ehrlich gesagt, aus dem Grund, daß ich bis dahin auch immer Angst davor hatte und wenig darüber wußte )

Dann habe ich endlich bei einer Psychiaterin angerufen, mir einen Termin geholt. Ich dachte, wenn ich mir jetzt nicht helfen lasse und doch mal Medikamente versuche, dann ist alles vorbei.

Sie hat sofort gesehen, wie schlimm es mir ging, mit mir über die Medikamente geredet und sie mir dann verordnet.

Eben dieses Paroxat.


Endlich Besserung


Auf den Tag kann ich jetzt nicht mehr sagen, wie lange genau es dauerte, bis die Wirkung begann.

Als erstes zumindest begann sich meine Grundstimmung zu ändern, laß es eineinhalb bis zwei Wochen gedauert haben.
Es ging ganz ganz langsam.
Irgendwann nachts merkte ich kurzzeitig wieder ein leichtes Gefühl von Normalität ( Läßt sich schwer anders beschreiben )
Als ob die depressive Grundstimmung kurz in den Hintergrund geht und ich Hoffnung bekam, daß alles wieder besser wird. Ich die Chance habe, diese "Qual" doch noch einmal loszuwerden.

Diese Momente begannen sich zu häufen.

Durch diese "glücklichere" Grundstimmung begann ich dann langsam wieder am Leben teilzunehmen.

Man könnte sagen, diese bessere Stimmung verlieh mir die Möglichkeit, den Mut, wieder Sachen zu versuchen, die ich in den letzten Wochen nicht mehr konnte, vor denen ich panische Angst hatte.

Ich übte dann regelrecht das Hinausgehen, das waschen ohne noch einmal zu waschen usw.

Dieses üben fiel mir leichter und leichter mit der Zeit
Dadurch wurden die Zwänge weniger und weniger.

Nach einigen Wochen ( vielleicht 8 - 10 ) wurde es immer deutlicher. Meine "alte" Grundstimmung war wieder da, ich konnte wieder lachen, richtig lachen - Mich freuen, vor allem an Kleinigkeiten. ( Dieses Gefühl der Freude das wieder zu können, ist eigentlich kaum beschreibbar )

Die Zwänge traten langsam immer mehr in den Hintergrund, wurden mir einfach egaler.
Ich kann nicht sagen, daß sie weggehen, das werden sie wohl nie, aber ich konnte trotz der Zwänge langsam wieder am normalen Leben teilnehmen.
Dinge machen, die ich jahrelang nicht mehr konnte.
- das war dann wieder einige Wochen später, ich nahm die SSRI jetzt schon einige Monate.

Wir sind in den Urlaub gefahren - für mich sonst der Horror schlechthin, auch schon vor dem Zusammenbruch.
Ich war sogar in der Lage, Toiletten auf Raststätten zu benutzen. ( Jeder Waschzwängler kennt das Problem Fremdtoiletten, zumindest die Frauen - Männer haben es da ja doch leichter ;) )

Einer der Höhepunkte:
Mir fiel etwas zu essen auf den Boden zuhause ( Ein Stück Brot oder Wurst, weiß ich nicht mehr ) - und ich war in der Lage, es aufzuheben und zu essen ! Hätte man mir das Jahre vorher gesagt, hätte ich es nie geglaubt.

Das Händewaschen wurde weniger, ich würde fast sagen, es kam in den "Normalbereich", sofern es den überhaupt gibt.
Ich mußte nicht mehr jeden Tag duschen.

Die Panikanfälle waren verschwunden.

Irgendwann war ich dann in der Lage, die Tabletten langsam wieder etwas herunterzudosieren.
Das ging auch sehr gut. Auch bin ich nach dem Absetzen noch sehr lange sehr gut klargekommen.



Das Problem bei Zwänglern ist eben nur, daß sie sehr anfällig für Lebenskrisen sind. Wohl anfälliger, als andere Menschen.
Die Gefahr eines Rückfalls ist dann natürlich nicht ganz ausgeschlossen.

Wie gesagt, ich mußte sie dann absetzten. Das ging auch sehr gut, bis ich eben diese zwei negativ Erlebnisse hatte.

Aber heute bin ich soweit, daß ich weiß, das hätten auch "normale" Menschen nicht so locker weggesteckt. Und dann darf ich mich als Zwänglerin nicht wundern, daß es zu einer Verschlechterung kommen kann.

Aber das oben beschriebene Erlebnis, das Wissen, daß es möglich ist, die Zwänge soweit in Schach zu halten, daß ein normales Leben möglich ist hat eben doch dafür gesorgt, daß ich nicht wieder in diesen totalen Absturz kam, sondern weiß, wie ich damit umgehen kann und weiß, es geht auch wieder aufwärts.



Ach ja, die Nebenwirkungen. die hätte ich jetzt fast vergessen.

Ich hatte eigentlich wenige.
Etwas Mundtrockenheit, manchmal etwas Müdigkeit. Ganz leichtes Zittern, den sogenannten Tremor.
Aber auch nur am Anfang und im Prinzip ein Witz gegenüber den Zwängen.
Die heftigste Nebenwirkung war, daß ich zugenommen habe.
Erst die abgenommen Kilos und dann noch etwas mehr.

Aber wenn ich die Wahl habe, etwas mehr zu wiegen oder wieder Zwänge zu haben, fällt die Wahl nicht schwer.

Außerdem bin ich froh, daß ich wieder Freude am essen habe. ( Diese Appetitlosigkeit in der damaligen Zeit war nun so gar nicht typisch für mich, da ich sonst immer ein Genuß-Esser war ;) )

Ich hoffe, ich habe es einigermaßen beschreiben können. ( Auch wenn es doch sehr lang geworden ist )
Ansonsten frage ruhig nach.

Viele Grüße von Ann

12

Freitag, 27. August 2004, 07:50

RE: Danke Ani...

Hallo Rose,

laut meinen Recherchen ist Fluvoxamin wohl das nebenwirkungsärmste SSRI. Deshalb würde ich das für meinen Mann auch favorisieren (bei allen anderen sind als mögliche Nebenwirkung Magen-Darm-Probleme angegeben, und die hat er sowieso schon). Habe aber gestern nochmal in der Apotheke angerufen und darum gebeten, mir von allen Wirkstoffen sämtliche Nebenwirkungen zuzufaxen ...

Liebe Grüße,
Ani

13

Freitag, 27. August 2004, 08:03

Hallo Ann,

vielen, vielen Dank für Deinen wirklich ausführlichen Beitrag. Mein Mann und ich haben ihn sehr interessiert gelesen und ihn sogar ausgedruckt, damit er ihn noch ein paar mal (in seinem Sessel) lesen kann. ;)

In der nächsten Woche hat er seinen ersten Therapietermin. Seine größten Probleme (um überhaupt hingehen zu können) konnte er zum Glück gestern bereits am Telefon ausräumen (sie kennt niemanden mit HIV / AIDS und sie hat selbst ein kleines Kind, was sie in seinen Augen sehr viel verantwortungsbewußter macht).
Ich kann also wirklich hoffen, daß er diesmal dort auch hingehen wird.

Und auch bezüglich Medikament werden sie sich dann eingehend unterhalten.
Ich sehe wieder Licht ...

Liebe Grüße,
Ani

14

Mittwoch, 1. September 2004, 12:28

Hallo!

Hallo Leute,

mußte gestern mal wieder nachts um 24 Uhr die Wohnung wischen, da unser Mittlerer gestern draußen (nagelneue) Socken anhatte, die für meinen Mann aber schmutzig waren (er saß aber nur im Auto bzw. wurde getragen, hatte also noch nicht einmal Schuhe an). Aber zum Ausziehen hatte ich ihn im Flur auf den Fußboden gesetzt. Deshalb mußte ich alles wischen, damit mein Mann aus der Wanne kommen konnte.

Letztendlich hat mein Mann aber im Wohnzimmer auf seinem (abwischbaren) Ledersessel geschlafen (den ich heute morgen gleich desinfizieren mußte), weil sich nach dem Baden eine Obstfliege auf seine Hand gesetzt hatte. Und für ihn bestand nur die Möglichkeit, noch einmal heiß zu baden oder eben nicht im Bett zu schlafen ...

Momentan ist sein erster Terapietermin, ich hoffe, er ist wenigstens hingefahren ...

Viele Grüße
Ani

15

Donnerstag, 25. November 2004, 21:11

Hallo,

wollte Euch nur mitteilen, daß ich diesen Thread jetzt schließe, da schon lange keiner mehr was geschrieben hat.

Ani

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