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Dienstag, 17. November 2009, 20:19

Es geht endlich wieder gut!

Hallo alle zusammen,

nach langer Zeit melde ich mich endlich mal wieder. Einige von Euch haben mir damals (vor ca. 1 Jahr) sehr viel Mut gemacht und ich finde es wichtig, Euch zu berichten, dass sich in der Zwischenzeit einiges zum Guten entwickelt hat.

Ich litt ja unter heftigsten Wiederholungs- und Reihenfolgezwängen und ich "durfte" sehr vieles nicht machen, weil es mit Angst verbunden war. Zum Schluss hin nahmen meine Zwänge den gesamten Tag in Anspruch und waren schon bis in meine Träume hinein vorhanden. Im November 2008 wandte ich mich zum ersten Mal an ein Klinikum, weil ich akut medikamentöse Unterstützung brauchte, denn es ging einfach gar nichts mehr. Ich bekam Cipralex und im Dezember bemerkte ich auch, dass das Medikament anfing, zu wirken. Zu dem Medikament schreibe ich evtl. an anderer Stelle noch einmal mehr. (Eine Momentaufnahme meiner Krankheitsgeschichte von damals findet sich im Forum.)

Im Januar begann ich eine Gesprächstherapie, die eigentlich in eine Verhaltenstherapie münden sollte, was aber nie stattfand, ich wurde nur ambulant therapiert, weil ich eine stationäre Behandlung ablehnte, denn zu dem Zeitpunkt stand ich noch im Berufsleben und eigentlich wollte ich auch nicht stationär sein.
Meine Therapeutin war sehr gut! Sicher keine absolute Expertin auf dem Gebiet, aber die persönliche Basis stimmte und das war mir sehr wichtig.

Im März verlor ich meine Arbeit, das hatte sich bereits vorher allmählich abgezeichnet und nun nahm ich mir eine Auszeit, denn ich wollte unbedingt gesund werden. Cipralex hatte in der Zwischenzeit bereits an Wirkungskraft verloren, ich erhöhte nach therapeutischer Anleitung die Dosis, aber die Zwänge kamen fast im alten Maße wieder. Seit ca. Ende April nehme ich das Medikament auch nicht mehr. So etwas sollte man aber IMMER mit dem behandelnden Arzt abstimmen!

Bis ca. Ende August führte ich einen erbitterten Kampf gegen meine Zwänge und ich war manchmal ganz schön niedergeschlagen, weil oft nach einem Tag mit nahezu Zwangsfreiheit wieder zwei mit Zwängen im alten Ausmaß folgten. Ich denke, dass der Kampf gegen die Zwänge ungefähr genau so viel Energie gekostet hat wie das Ausleben der Zwänge. Aber jeder Tag, an dem es etwas besser ging, machte mir Mut. Außerdem hatte ich mir ein Ziel vor Augen gesetzt (ein berufliches Weiterkommen in diesem Fall) und ich wußte, dass ich gesund werden muß, bevor ich das anfange, denn sonst könnte ich es nicht packen. Ich habe mir auch sehr oft vor Augen geführt, dass die Alternative zum Gesundwerden nunmal ein Leben mit den Zwängen ist und das ist keine schöne Alternative!

Jeder muss sicherlich seinen eigenen Weg finden, aber mir haben folgende Punkte sehr geholfen:
- Ich habe mir immer wieder die Tatsache bewußt gemacht, dass ICH diesen Kampf kämpfen muss. Ich hatte nur einmal pro Woche Therapie und vielleicht wäre öfter besser gewesen, aber: Man MUSS SELBER kämpfen! NIEMAND ANDERS besiegt die Zwänge, das muss man sich immer wieder vor Augen halten! Ich fühlte mich sehr oft im Stich gelassen und die Bedingungen, unter denen ich kämpfte, waren sicher extrem: Weder meine Familie noch Freunde standen mir zur Seite, ich war nahezu sozial isoliert, denn ich konnte auch kaum noch etwas unternehmen, die Zwänge verhinderten nahezu alles, es ging einfach nicht mehr... Natürlich fühlte ich mich oft alleine gelassen, aber: Man muss sich therapeutische Hilfe suchen und man muss auch sagen, wenn man nicht mehr kann, man sollte sich auch beklagen, das ist alles wichtig. Aber es muss einem auch klar sein: Klagen ist zum Teil hilfreich, resignieren hilft aber nicht. Man darf sich nicht fallen lassen, sondern man muss kämpfen, so reißerisch und banal das auch klingen mag... Und, ganz wichtig: Geduld spielt eine große Rolle. Es kommen auch wieder schlechte Tag dazwischen, es funktioniert halt meistens nicht von heute auf morgen, aber ich sage ganz klar: Meistens. Es mag hier sicher Ausnahmefälle geben, aber laßt Euch bloß nicht entmutigen, wenn es nicht sofort klappt!
- Ich bin ins Zwiegespräch mit meinen Zwängen gegangen. Es sprach zwar nie eine Stimme zu mir, aber es war schon oft wie ein "Dialog mit der Krankheit", wenn man so will, letztlich ist das auch einfach "Etwas", was in einem drin ist und seine Daseinsberechtigung fordert. Ich habe dem "Etwas" immer wieder klar gemacht, dass es nicht mein Lebensinhalt, sondern nur eine Phase für mich darstellt und ich bin nicht von dieser Position gewichen, obwohl es sich immer wieder gegen diese Position stellte. Eben ein Kampf...
- Die Zwiegespräche waren bei mir auch schließlich der Schlüssel zum Erfolg: Das "Etwas" in mir hat mir ja immer wieder gedroht (wenn auch nicht als Stimme): Wenn Du nicht diese Handlung so und so oft wiederholst... Ihr kennt das vielleicht... dann passiert folgendes oder vielleicht auch folgendes nicht... Klingt verrückt, ergibt auch keinen logischen Zusammenhang und man weiß das auch, aber die Verknüpfung im Kopf ist nunmal vorhanden. Eines Tages habe ich gewagt, "innerlich auszusprechen", wovor ich Angst habe, dem "Etwas" alles vorzuhalten, womit es mir drohen wollte und dabei ganz viel zu übertreten und gegen die Zwänge zu handeln. Mir hat das sehr geholfen! Durch das Aussprechen vor dem, wovor ich Angst habe, hatte das "Etwas" sehr viel Macht verloren und ich habe ihm auch ganz deutlich gesagt, dass ich es jetzt jedes Mal wiederholen werde, wenn es wieder zu aggresiv wird. "Es" hat sich seitdem sehr zurück gehalten. Seitdem (und das ist inzwischen ca. drei Monate her) ist es zwar immer noch oft im Hintergrund zu merken, aber ich bin nahezu von allen Ritualen befreit, es war schon noch eine Übergangszeit, aber es ging dann wirklich sehr schnell. Von meinen Zwangshandlungen ist vielleicht noch 1% vorhanden und die Zeit, die es mir am Tag nimmt, ist von ca. 16 Stunden auf ca. 2 Minuten am Tag gesunken. Was noch oft geblieben ist, ist das Grüblerische und die Schwierigkeiten mit Entscheidungen, aber auch das wird inzwischen sehr viel besser. (Das Kapitel hängt sicherlich sehr stark mit den Zwängen zusammen, aber das muss ich ggf. auch wann anders beschreiben.)
-Es hat mir sehr geholfen, ein Ziel vor Augen zu haben! Das sei hier noch einmal als Punkt hinzugefügt!

Okay, ich will jetzt mal zum Ende kommen: Vor ca. zwei Monaten hörte ich mit der Therapie auf. Es wäre sicher sinnvoll gewesen, sie noch weiter zu führen, aber meine Therapeutin konnte mich ruhigen Gewissens gehen lassen und wir halten auch noch per e-Mail Kontakt. Der Zeitpunkt war halt dadurch begründet, dass ich weggezogen bin, um meine beruflichen Pläne zu verwirklichen. Für mich war der Umzug auch sehr wichtig, denn ein Tapetenwechsel hat mir gut getan. Ich denke aber nicht, dass es so wichtig war, wie ich es zeitweise eingeschätzt habe.


Ich hoffe, dass ich dem einen oder anderen etwas Mut machen konnte. Noch vor einem Jahr hätte ich selber kaum geglaubt, dass eine so starke Besserung so schnell möglich sein kann. Mir ist auch klar, dass ich vor einem Rückfall auch nicht sicher bin, aber ich habe mit der Therapeutin einen Notfallplan erstellt und es ist natürlich ganz wichtig, frühzeitig die Warnsignale zu erkennen.

Ihr könnt mir gerne schreiben, wenn Ihr möchtet, manchmal kann ja ein Gedankenaustausch ganz gut sein!

So, jetzt habe ich aber Hunger!
Schöne Grüße

Manuu

2

Donnerstag, 19. November 2009, 23:07

RE: Es geht endlich wieder gut!

Hey, schön dass es Dir jetzt gut geht. 8)
Den letzten "schäbigen" Rest wirst Du auch noch los!
Ich wünsche Dir viel Glück dabei!
Viele Grüsse
Ralf

Brummbär

unregistriert

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Samstag, 21. November 2009, 00:09

Hallo Manuu,
das ist eine sehr bewegende Geschichte, Du hast viel gekämpft und Glückwunsch zum Sieg.
Kannst Du zur Gesprächstherapie noch Näheres berichten?
In welchem Rhythmus warst du da, wieviele Stunden mögen es insgesamt gewesen sein? Was war es, was daran so geholfen hat, was war der Schlüssel der Therapie?

4

Sonntag, 22. November 2009, 15:48

Hallo Brummbär,

der Rhythmus war 1x pro Woche, naja, also, von ungefähr Januar bis September und ein paar Mal ausgefallen... also ca. 25 mal. Der Schlüssel zum Erfolg ist unter Vorbehalt zu betrachten, dnen das kann ja bei jedem anders sein.
Also, der Wille, zu siegen ist natürlich ganz wichtig.
Dann hat es mir sehr geholfen, mir immer wieder vor Augen zu führen, was die Alternative zu dem Sieg ist (nämlich ein Leben mit den Zwängen, was bei meiner Ausprägung auch geheißen hätte, ein Leben in Krankheit und ohne groß etwas auf die Reihe zu kriegen).
Dann ist halt Geduld ganz wichtig.
Und, sich einzugestehen, dass man es selber schaffen muss und dass Therapie, usw., alles nur unterstützend sein kann und dass halt Jammern okay ist, aber es nicht die Grenze zur Selbstaufgabe oder Resignation überschreiten darf.
Ich denke auch, dass es wichtig ist, sehr ehrlich in der Therapie zu sein. Mit der Therapeutin habe ich mich allerdings auch sehr gut verstanden, auch wenn das sicher nur ein Faktor von mehreren ist, hat das sicher den Prozess auch begünstigt.

Ich kann Dir gerne noch mehr zur Gesprächstherapie schreiben, falls Du noch etwas Konkreteres wissen willst, dann frag einfach...

Habe mir jetzt noch nicht Dein Profil angeguckt, daher frage ich jetzt mal noch nicht, was Du für Zwänge hast. Aber ich wünsche Dir alles Gute so weit... Ja, es ist schon echt ätzend mit den Zwängen zu leben, im Rückblick kommen mir auch manche Tage von früher sehr absurd vor. Ich habe sicher aber auch einiges an Lebensfreude in dem Kampf verloren und es wird noch einige Zeit dauern, bis ich wieder einigermaßen "normal" bin, ja, ich habe halt Schäden beim Kämpfen erlitten, aber das war's trotzdem wert...

Schöne Grüße

Manuu ;)