Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Zwangserkrankungen.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

21

Dienstag, 12. Februar 2013, 02:23

Zur späteren Vertiefung über den Zusammenhang Zwang - Psychosomatik - Arbeitsblockade:

Ich komme auf meinen früheren Thera zurück, weil ich einen Traum zu ihm hatte, der sich in auffällig ähnlicher Weise in diesem Fallbeispiel eines Anankasten wiederfindet, bei dem ich auch sonst viele Parallelen zu meinem anankastischen Muster erkenne. Und ich denke, der Traum hat dieselbe Funktion wie in diesem Fallbeispiel eines anankastischen Fachhochschuldozenten, der auch unter einer psychosomatischen Arbeitsstörung litt und nach Bearbeitung dieses vergleichbaren Traums eine Besserung erzielen konnte.

Im Fallbeispiel träumte der Fachhochschuldozent von seinem Vater, einem kriegsverletzten Nichtautofahrer, der am Steuer eines Autos saß, in dem sie fuhren. Da der Vater aber nicht in der Lage war, das Auto korrekt durch die verwinkelten, abschüssigen Gassen zu fahren, lenkte in Wirklichkeit der Träumer das Auto über ein Armaturenbrett mit Knöpfen. Der Träumer assoziierte seinen Traum mit dem Umstand, dass sein Vater ihn gegen seinen Willen in seiner Kindheit für 1 Jahr in Kur wegschickte auf ärztlichen Rat. Diese Obrigkeitshörigkeit konnte er ihm nicht verzeihen, da er sehr unter der Trennung gelitten hatte.

In meinem Traum fuhr mein früherer Thera das Auto. Neben ihm saßen meine Eltern und hinten meine Schwester, die Kinder und ich. Er fuhr das Auto von der Klinik zum See hinab, das auf sehr kurvige Weise. Er drehte immer wieder das Steuerrad hin und her und musste sich enorm konzentrieren, weil die Gassen so verwinkelt und steil verliefen. Ich beobachtete das Ganze ratlos. Mir wurde bewusst, wie überfordert er war, so wie meine Eltern früher die ganze Zeit. Meine früher kindlichen Erwartungen an die Erwachsenen waren einfach zu hoch gewesen.

Wie der Fachhochschuldozent, der einen ähnlichen Amtskrieg ausstehen musste wie ich, was ihn wiederum an den ihn im Stich lassenden Vater erinnerte und den Traum initiierte, stecke ich in einer vergleichbaren Phase nach den Enttäuschungen mit meinem Verein u. a. und erkenne ebenso, wie überhöht meine anankastischen Anforderungen an andere und mich gewesen sind und wie sehr Verlust-, Versagens- und Angstgefühle in mir wirksam sind, die ich nun zulassen kann.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

22

Dienstag, 19. Februar 2013, 14:58

@meinen Zwängen:

In Hoffmann & Hofmann Expositionen bei Ängsten und Zwängen S. 180 unter dem Thema Zwanghafte Langsamkeit wird anhand eines Fallbeispiels einer Patientin gut beschrieben, welche Problematik bei meinen Arbeitsblockaden vorliegt:

Sie weiß "irgendwie", wie der Vorgang ausgeführt werden soll, verfügt aber über keine differenzierte, abrufbare Regulationsgrundlage dafür.
Die ganze Handlungsorganisation hat für sie etwas Abstraktes. Sie fühlt sich darin nicht als wollendes und agierendes Subjekt. Für andere täglich auszuführende Handlungen wie Kämmen usw. hat sie sich, um diese Lücke zu füllen, nach den Prinzipien des Zwanges akribische, stark segmentierte Abläufe zurechtgelegt, an denen sie sich festhalten kann.

Ich versuche nun, mein Verhalten in einem internen Arbeitsprotokoll zu beobachten und mich dadurch mehr im Alltag und in der Arbeit zu verzahnen und zu regulieren.

Ich las meiner Mutter diese und weitere Stellen aus dem Fachbuch vor und versuchte, ihr die Parallelen zu mir zu erklären, auch was die Biografie betrifft, vor allem die großen Erwartungen, die immer an mich gestellt wurden, ich musste immer alles in Ordnung bringen, deshalb entwickelte sich dieser Zwang, alles richtig machen zu müssen. Meine Mutter konnte es wirklich nachvollziehen und versteht nun meine Problematik viel besser. Bin froh darüber. Das war mir ganz wichtig.

Thera und Hausarzt erhielten auch eine E-Mail dazu, wir werden das dann noch eingehender betrachten. Ende Monat habe ich einen Termin beim Therapeuten. Bis dahin lese ich noch weiter im Fachbuch. Er fragte schon letztes Mal danach. Das Buch gibt schon einige Lösungsansätze, aber leicht wird die Umsetzung nicht.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

23

Mittwoch, 20. Februar 2013, 05:00

So leicht wird die Überwindung des Zwangs nicht, weil ich durch meine zwanghafte Persönlichkeit und die Zwangsstörung nur eingeschränkt in der Lage bin, das einfach so willentlich zu überwinden. Erschwerend kommt die psychosomatische Symptomatik durch meine Schmerzkrankheit etc. hinzu.

Überhaupt geht es zuerst darum, mein Selbst zu stärken und es nicht zu unterdrücken, wie das meine Familie getan hat. Das Ganze ist sehr komplex und hat auch damit zu tun, dass ich zu viel Verantwortung in der Familie trage und dadurch überfordert werde. Außerdem hängt es damit zusammen, dass ich als Kind parentifiziert wurde und sehr früh die Eltern ersetzen musste in meiner Großfamilie, wodurch ich in meinen Autonomiebedürfnissen unterdrückt wurde. Deshalb hat sich auch die Schmerzkrankheit entwickelt.

Der Hauptfortschritt liegt in der Stärkung meines Selbst. Nur durch Subjektkonstituierung kann ich in der Zwangssituation das steuernde Ruder übernehmen als Agierender. Das hatte schon Auswirkung auf meine familiären Verhältnisse, ich kann mich besser abgrenzen als vorher und lege die Grenzen neu fest. Ich lasse mich viel weniger vereinnahmen als vorher und konnte einiges abgeben bzw. zurückdelegieren. Ich bin nicht mehr so extrem aufgelöst in einer kompletten Fürsorglichkeit für die Familie und Absorption meiner Selbst, sondern achte nun auf meine eigenen Bedürfnisse, lernte überhaupt, nach Jahrzehnten meine eigenen Gefühle und Autonomieansprüche wahrzunehmen. Dabei ist gerade die Analyse des Zwangssystems unabdingbar. Zuerst muss ich verstehen, was ich ändern will. Ich gehe erst ein Jahr in Therapie, habe also innerhalb eines Jahres viel erreicht, mein Thera ist begeistert.

Auch die Fachliteratur spricht davon, dass diese Art von selbsttherapierender Motivation eine Therapie begünstigt bei zwanghaften Persönlichkeiten. Es steht sogar im Gutachten, dass ich mir durch mein angelesenes Fachwissen einiges therapeutisch selbst aneignen konnte, wobei ich damals nur allgemein aus literarischem Interesse ein gewisses psychologisches Grundwissen anstrebte. Aber schon das half mir, ohne dass ich es wusste. Wissen ist Macht und verändert sehr wohl. Jeder neue Gedanke hat seine potenzielle Macht zur Veränderung.
Lieben Gruß
Yezrel

Quovadis

unregistriert

24

Mittwoch, 20. Februar 2013, 09:49

Zitat



Auch die Fachliteratur spricht davon, dass diese Art von
selbsttherapierender Motivation eine Therapie begünstigt bei zwanghaften
Persönlichkeiten. Es steht sogar im Gutachten, dass ich mir durch mein
angelesenes Fachwissen einiges therapeutisch selbst aneignen konnte,
wobei ich damals nur allgemein aus literarischem Interesse ein gewisses
psychologisches Grundwissen anstrebte. Aber schon das half mir, ohne
dass ich es wusste. Wissen ist Macht und verändert sehr wohl. Jeder neue
Gedanke hat seine potenzielle Macht zur Veränderung.
Das sehe ich ganz genauso. Heilen kann man sich als Zwangserkrankter nur selber. Ein Therapeut kann nur begleiten und anleiten. Die entscheidenden Schritte geht der Erkrankte am Ende immer alleine.

Bei dir bin ich sehr optimistisch. Weiter so!

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

25

Mittwoch, 20. Februar 2013, 16:34

Danke, Quovadis!

Das hast Du wirklich lieb gesagt. Und hey, ich kann das echt gut gebrauchen, diese Ermutigung.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

26

Donnerstag, 21. Februar 2013, 01:59

Ich schrieb nun meinem Thera eine E-Mail für die nächste Sitzung, u. a.:

Langsam erkenne ich die Zusammenhänge meiner Problematik.

Es gibt einen vielbesagten Satz: Der Narzisst sagt "ich, ich, ich", der Zwanghafte "es, es, es". In gewisser Weise bilden sie also ein Gegensatzpaar, denn der Zwanghafte ist zu wenig bei sich selbst und sucht den Halt in der Verräumlichung seines Lebens. Daran arbeite ich gerade, es geht darum, sich selbst wieder als agierendes Subjekt selbstwirksam zu erleben und sich nicht von den "Dingen" beherrschen zu lassen (ist allerdings nicht so leicht umzusetzen).

Von der Verräumlichung und Versachlichung ausgehend, ist es logisch, dies möglichst lückenlos aufbauen zu wollen als stützende Lebensgrundlage, da es kein auswählendes Subjekt gibt. Wenn jedoch das agierende Subjekt im Mittelpunkt steht, ist nur der vom Subjekt angefragte Aspekt wesentlich. Das agierende Subjekt selbst wird zum stützenden Hauptträger, nicht mehr der Sachbezugsrahmen. Das agierende Subjekt wählt aus und lässt weg, was es nicht braucht.

Meinem früheren Therapeuten fiel damals auf, dass ich Erlebnisse nicht aus meinem Ich heraus beschreibe, als hätte das Wahrgenommene nichts mit meiner eigenen Selbstwirksamkeit und Präsenz zu tun, als gäbe es kein Ich, das agiert und worauf reagiert wird, als würde alles unabhängig von meiner Anwesenheit geschehen. Das ergibt Sinn im Kontext der verlorenen Subjekthaltung des Zwanghaften.

Tatsächlich spüre ich mehr Selbstbestätigung, wenn ich diese Selbstwirksamkeit erkennen kann, z. B. kürzlich als Beiständin, wo meine Anwesenheit und mein Wissen wesentlich dazu beitrug, der Jugendpsychologin ein korrektes psychologisches Bild der Familiendynamik zu vermitteln, indem ich auf die schon bestehenden psychologischen Akten verwies und beilegte, welche sie nicht besaß und worüber sie nicht informiert wurde durch die auftraggebende Behörde.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

27

Freitag, 22. Februar 2013, 05:20

Vielleicht triggert es langfristig, sich immer mit dem Zwang als Thema auseinanderzusetzen, hab das auch schon in einem Fachbuch gelesen.


Irgendwie haben sich im Alltag meine Kontrollzwänge verstärkt, ich wurde evtl. durch einige Beiträge getriggert. Da ich ja jetzt weiß, dass ich mich nicht mit dem Zwang (nur Symptom), sondern mit dem Aufbau des Selbst beschäftigen muss, um das Problem zu lösen, schließe ich hier ab und versuche einen anderen Weg, wo es nicht um den Zwang geht, sondern um den Selbstaufbau.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

28

Donnerstag, 14. November 2013, 19:40

@meinen Zwängen:

In Hoffmann & Hofmann Expositionen bei Ängsten und Zwängen S. 180 unter dem Thema Zwanghafte Langsamkeit wird anhand eines Fallbeispiels einer Patientin gut beschrieben, welche Problematik bei meinen Arbeitsblockaden vorliegt:

Sie weiß "irgendwie", wie der Vorgang ausgeführt werden soll, verfügt aber über keine differenzierte, abrufbare Regulationsgrundlage dafür.
Die ganze Handlungsorganisation hat für sie etwas Abstraktes. Sie fühlt sich darin nicht als wollendes und agierendes Subjekt. Für andere täglich auszuführende Handlungen wie Kämmen usw. hat sie sich, um diese Lücke zu füllen, nach den Prinzipien des Zwanges akribische, stark segmentierte Abläufe zurechtgelegt, an denen sie sich festhalten kann.

Ich versuche nun, mein Verhalten in einem internen Arbeitsprotokoll zu beobachten und mich dadurch mehr im Alltag und in der Arbeit zu verzahnen und zu regulieren.


Diese Situation ist bei mir leider immer noch gleich geblieben: Segmentierte Kontrollzwang-Abläufe unter der "Dachorganisation" einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur. Ich verstehe zumindest, was genau passiert bei meinen Arbeitsblockaden, sodass dies der erste Schritt zur Veränderung darstellt. Diese segmentierten Kontroll-Zwänge werden in ihrem Ablauf gehindert bzw. deren Regulation und Verzahnung ist nicht mehr gewährleistet auf das angestrebte Arbeitsziel hin.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

29

Donnerstag, 14. November 2013, 20:49


Es gibt einen vielbesagten Satz: Der Narzisst sagt "ich, ich, ich", der Zwanghafte "es, es, es". In gewisser Weise bilden sie also ein Gegensatzpaar, denn der Zwanghafte ist zu wenig bei sich selbst und sucht den Halt in der Verräumlichung seines Lebens. Daran arbeite ich gerade, es geht darum, sich selbst wieder als agierendes Subjekt selbstwirksam zu erleben und sich nicht von den "Dingen" beherrschen zu lassen (ist allerdings nicht so leicht umzusetzen).

Von der Verräumlichung und Versachlichung ausgehend, ist es logisch, dies möglichst lückenlos aufbauen zu wollen als stützende Lebensgrundlage, da es kein auswählendes Subjekt gibt. Wenn jedoch das agierende Subjekt im Mittelpunkt steht, ist nur der vom Subjekt angefragte Aspekt wesentlich. Das agierende Subjekt selbst wird zum stützenden Hauptträger, nicht mehr der Sachbezugsrahmen. Das agierende Subjekt wählt aus und lässt weg, was es nicht braucht.


Das wäre die Lösung, jetzt nicht nur allgemein auf mein Leben bezogen, sondern auch konkret bei den jeweiligen Arbeitsaufgaben.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

30

Freitag, 15. November 2013, 21:33

Eine Zusammenfassung:

Es geht mehr darum, die eigenen Muster zu justieren, und weniger um eine komplette Veränderung. Es gibt auch positive Seiten. Deshalb ist es wichtig, sich anzunehmen und das Beste aus seinem Muster herauszuziehen, d. h. die positiven Aspekte zu fördern und die negativen abzuschwächen. Die Defizite erkennen, sich annehmen und das Beste aus seinen Möglichkeiten machen. Veränderung ja, aber keine komplette, das wäre illusorisch.

In Köhnleins Thesen zur Überwindung von Arbeitsstörungen S. 177-180 steht Ähnliches: "Die subjektive Stellungnahme zur Arbeit geschieht nach dem seit der frühen Kindheit eingeübten Lebensstil bzw. Persönlichkeitsstil. Bei der Ausprägung von unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen sind spezielle innere Konflikte beteiligt, die dem betreffenden weitgehend unbewusst sind. Arbeitsstörungen sind somit häufig Ausdruck für innere, unbewusste Konflikte. Aufgabe ist es daher, die positiven Anteile der die Arbeit begünstigenden spezifischen Persönlichkeitsstruktur als Ressource zu verstehen und neu zu entdecken. Zudem gilt es zu lernen, die Einseitigkeiten, Engen und negativen Fixierungen des Arbeitsstils zu akzeptieren und aufzulockern. (Günther Köhnlein, Phänomen Arbeitsstörungen S. 177)"

Wenn ich meine Vergangenheit betrachte, dann lässt sich die zwanghafte Persönlichkeitsstruktur bis in meine Kleinkindzeit zurückverfolgen, aber die Kontroll-Zwänge kamen erst später und sind deshalb meiner Meinung nach erworben und damit auch wieder abbaubar. Das ist es eigentlich, was ich will, denn ich leide vor allem unter den Kontroll-Zwängen. Ich glaube fest daran, dass ich dies schaffen werde, eben weil ich mich daran erinnern kann, wie es ohne Kontroll-Zwänge war. Ich hab nochmal meine therapeutischen Bücher der Reihe nach betrachtet, was ich gelesen habe, auch wo ich bisher nur reingeschaut hatte. Das Wissen ist da, um mich aus meiner Problematik rausarbeiten zu können. Ich muss es mir nur Stück um Stück aneignen, es mir wirklich zu eigen machen, es verinnerlichen. Der Schlüssel liegt vor mir bzw. ein ganzer Schlüsselbund an Lösungen.

In Hoffmann & Hofmann Expositionen bei Ängsten und Zwängen S. 180 unter dem Thema Zwanghafte Langsamkeit wird anhand eines Fallbeispiels einer Patientin gut beschrieben, welche Problematik bei meinen Arbeitsblockaden vorliegt: "Sie weiß "irgendwie", wie der Vorgang ausgeführt werden soll, verfügt aber über keine differenzierte, abrufbare Regulationsgrundlage dafür. Die ganze Handlungsorganisation hat für sie etwas Abstraktes. Sie fühlt sich darin nicht als wollendes und agierendes Subjekt. Für andere täglich auszuführende Handlungen wie Kämmen usw. hat sie sich, um diese Lücke zu füllen, nach den Prinzipien des Zwanges akribische, stark segmentierte Abläufe zurechtgelegt, an denen sie sich festhalten kann."

Diese Situation ist bei mir leider immer noch gleich geblieben: Segmentierte Kontrollzwang-Abläufe unter der "Dachorganisation" einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur. Ich verstehe zumindest, was genau passiert bei meinen Arbeitsblockaden, sodass dies der erste Schritt zur Veränderung darstellt. Diese segmentierten Kontroll-Zwänge werden in ihrem Ablauf gehindert bzw. deren Regulation und Verzahnung ist nicht mehr gewährleistet auf das angestrebte Arbeitsziel hin. Ich versuche, mein Verhalten in einem internen Arbeitsprotokoll zu beobachten und mich dadurch mehr im Alltag und in der Arbeit zu verzahnen und zu regulieren.

Hoffmann & Hofmann, Expositionen bei Ängsten und Zwängen, S.83: "Eine solche positive und konstruktive innere Kommentierung des eigenen Verhaltens ist sehr nützlich, wenn es darum geht, bei der Aufgabe zu bleiben und den Überblick zu behalten. So entwickelt sich auch zunehmend das Gefühl, die Arbeit selbst aktiv steuern zu können."

Der Zwanghafte ist zu wenig bei sich selbst und sucht den Halt in der Verräumlichung seines Lebens. Daran arbeite ich gerade, es geht darum, sich selbst wieder als agierendes Subjekt selbstwirksam zu erleben und sich nicht von den "Dingen" beherrschen zu lassen. Von der Verräumlichung und Versachlichung ausgehend, ist es logisch, dies möglichst lückenlos aufbauen zu wollen als stützende Lebensgrundlage, da es kein auswählendes Subjekt gibt. Wenn jedoch das agierende Subjekt im Mittelpunkt steht, ist nur der vom Subjekt angefragte Aspekt wesentlich. Das agierende Subjekt selbst wird zum stützenden Hauptträger, nicht mehr der Sachbezugsrahmen. Das agierende Subjekt wählt aus und lässt weg, was es nicht braucht. Das wäre die Lösung, jetzt nicht nur allgemein auf mein Leben bezogen, sondern auch konkret bei den jeweiligen Arbeitsaufgaben.

Das Kapitel über Prüfungsängste und Arbeitsstörungen im Buch Hoffmann & Hofmann - Expositionen bei Ängsten und Zwängen macht deutlich, wie negativ es wirkt, wenn ich mir Vorwürfe mache, egal ob sie gerechtfertigt sind oder nicht, und wie kontraproduktiv und sinnlos die Angst an sich eigentlich ist. Dies alles nimmt mir nur die Kraft, die ich dringend benötige. Also absolut kontraproduktiv, um weiterzukommen. Stattdessen sollte ich mich selbst ermutigen und an die Aufgaben heranführen. Personale, passive Lageorientierung der eigenen Person ist schädlich, auktoriale, aktive Handlungsorientiertheit bzw. eine handlungsorientierte, steuernde Subjekthaltung auf das Ziel hin förderlich. Mut zur Lücke, Mut zum Risiko, den Mut haben, es nicht perfekt hinzukriegen. Es nehmen, wie es ist. Keine Druck erzeugende, perfektionistische Arbeitshaltung. Förderlich ist ein planungsvolles, strukturiertes, selbstbelohnendes Vorgehen. Sich nicht als hilfloses Objekt in der Aufgabensituation sehen, sondern Subjekt in der Arbeitssituation werden. Es gibt keine einzige richtige Methode. Einfach tun, ohne lange zu grübeln. Kein blockierendes Anspruchsdenken. Keine Selbstvorwürfe, denn gerade sie lösen die psychosomatischen Beschwerden aus. Stattdessen immer wieder Standortbestimmung zu kleinen Erfolgen und bisherigen Ergebnissen zur Selbstbelohnung, Selbstverankerung und Arbeitssteuerung.

Ich merke immer mehr, dass es mehr Sinn macht, den Ursachen meines Zwangs nachzugehen und nicht einfach nur die Symptome zu bekämpfen, wodurch sich der Zwang nur immer wieder einen neuen Schauplatz sucht, aber nicht wirklich eine Auflockerung erfährt.

Ein besonders gut herausgearbeiteter Satz aus Alfred Adler/Über den nervösen Charakter S.7: "Das Gefühl des schwachen Punktes beherrscht den Nervösen so sehr, dass er, ohne es zu merken, den schützenden Überbau mit Anspannung aller Kräfte bewerkstelligt. Dabei schärft sich seine Empfindlichkeit, er lernt auf Zusammenhänge achten, die anderen noch entgehen, er übertreibt seine Vorsicht, fängt am Beginne einer Tat oder eines Erleidens alle möglichen Folgen vorauszuahnen an, er versucht weiter zu hören, weiter zu sehen, wird kleinlich, unersättlich, sparsam, sucht die Grenzen seines Einflusses und seiner Macht immer weiter über Zeit und Raum zu spannen, - und verliert dabei die Unbefangenheit und Gemütsruhe, die erst die psychische Gesundheit und Tatkraft verbürgen."

Es gibt noch unzählige solcher trefflicher Sätze. Ich hoffe, dass ich das alles auch verinnerlichen kann. Wenn ich einsehe, dass ich mit weniger Anspannung weiterkomme und so mehr Leistungsfähigkeit (mit weniger Schmerzen) dazugewinne, sollte es doch eigentlich dem finalen Charakter meines Denkens zweckdienlicher erscheinen, diesen zwanghaften Überbau runterzufahren. Ich ballere mit Kanonen auf Mücken in meiner überspannten Exaktheit. Ich habe mich von der allzu starken Rationalisierung abgewandt und wieder angefangen, mich durch meine Intuition leiten zu lassen, d. h. dass ich am besten jetzt auch meine Intuition zur Selbstregulierung durch den Alltag nutze, damit ich handlungsfähiger werde.

Hoffmann & Hofmann: Expositionen bei Ängsten und Zwängen: "Versuchen Betroffene den Ist-Zustand festzuhalten, um Ziele abzuleiten, dann orientieren sie sich eher ängstlich an ihren Defiziten und Schwächen anstatt an ihren Stärken. ( S. 72) [...] Dadurch, dass er sich in jeder denkbaren Situation vollständig absichern will, hat er zunehmend den Zugang zu seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verloren. So ist er unfähig geworden, intuitiv und spontan-ganzheitlich auf der Grundlage eigener Werte und Überzeugungen (als steuerndes Subjekt) zu entscheiden. ( S. 74)"
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

31

Freitag, 15. November 2013, 21:35

Mein Neffe hat mir einen Tipp gegeben: Ich solle alles mit wacher Wahrnehmung und bewusster Aufmerksamkeit angehen und mich auf die Sinne (Sehen, Hören etc.) und die Logik (Ich hab es gesehen und gehört etc.) verlassen, um den Kontrollzwang zu besiegen. Ich kann die Zwänge abbauen, indem ich nicht alles wie in der Lupe begutachte, sondern es von außen peripher betrachte und mir vertraue, dass diese Außenperspektive reicht als Kontrolle, es genügt, das Gesamte (z. B. den Herdknopf mit Pfeilstellung) wahrzunehmen und ich nicht mehrmals den Abstand, die Farbe und die Form des Pfeils nachprüfen muss, um sicher zu werden. Die Tendenz bleibt da, aber ich merke auch, dass diese extreme, verkrampfte Kontrolle kein besseres Evidenzgefühl bringt und ich wieder von vorne anfangen muss. Also da löst sich etwas und ich möchte dabei noch lockerer werden, weil ich meiner eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen darf und ich mit dieser peripheren Gesamtschau mehr erkenne und das Evidenzempfinden viel stärker und organischer wird dadurch. Das wurde mir durch das Memory-Training bewusst.

Ich fand einen Fachartikel von Anne Külz der Psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg i. Br. über die neuropsychologisch veränderte kognitive Wahrnehmung bei Zwängen. Das wäre die Erklärung, weshalb ich so viel Mühe habe, ohne Arbeitslisten die Arbeit und den Tag zu strukturieren, einzugrenzen und auf Teilziele zu fokussieren. Ich sehe einfach zu viele Details und zu wenige halt- und zielgebende Strukturen, sodass es mir schwerfällt, mich punktuell auf das zu konzentrieren, was die jeweilige Aufgabe von mir verlangt. Wenn ich Beilagen für Formulare zusammensuche, muss ich das wirklich klar auflisten und von dem abheben, was nicht verlangt wird, sonst habe ich den Eindruck, "alles" belegen zu müssen, weil ich es nicht von dem trennen kann, was nicht angefragt wird. Dadurch wirkt es auf mich wie ein unüberwindlicher, blockierender Sisyphos-Berg.

Ich hatte dieses Problem schon in der Schulzeit, wo ich dann einfach "alles" lernte (mit großem Aufwand) und mit "allem" antwortete bei Teilfragen, wo nur nach einem Aspekt gefragt wurde. Das brachte mir teilweise Abstriche bei an sich guten Noten ein, auch wenn ich "alles" wusste. Ich kompensierte dies durch selbsterstellte Fragelisten und Stichwortkataloge, um den Lernstoff einzufangen und zu konkretisieren.

Ich trainiere nun durch Vokabellernen. Im Moment lese ich Fachliches über Neuropsychologie in Bezug auf Zwänge und wie sich diese Verhaltensweisen durch Gedächtnistraining beeinflussen ließe. Das mache ich gerade, indem ich Gedächtnisspiele austeste, vielleicht hilft mir das, flexibler zu werden bei der Aufgabenbewältigung und mich mehr auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Derzeit sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich sehe einfach zu viele Details und kann nur schwer Prioritäten setzen. Ich spiele ein Kunst-Memory für Erwachsene und setze ein 1000er-Puzzle zusammen, wo ich gezwungen bin, das Gesamte zu sehen, um die Teile zusammenfügen zu können. Solche Spiele halfen mir auch früher, mich innerlich zu ordnen. Auch Schachspielen hilft mir.

In der Neuropsychologie werden Tests gemacht, um geringe Abweichungen festzustellen, z. B. bei Leuten mit Zwängen, bei mir wär das Kontrollzwang. Dabei stellte man fest, dass Leute mit Zwängen ein sehr gutes Gedächtnis für Details haben, aber sich dafür das Gesamtbild weniger gut merken können. Bei einem 1000er-Puzzle wären das dann eher die Linien und Muster und weniger das Gesamtbild, was das Puzzle darstellt. Anhand dieser Erkenntnisse versuche ich beim Memory und beim 1000er-Puzzle eine neue Herangehensweise zu finden, um mein Gedächtnis zu trainieren, denn die neuropsychologischen Untersuchungen ergaben, dass sich dies verbessern lässt durch Übung des flexiblen Denkens und Wahrnehmens, eben durch Wechsel der Perspektiven und Herangehensweisen. Ich mache immer zuerst den Rahmen des Puzzles, dann sortiere ich nach Farben, daraufhin versuche ich mich an der Ecke, meist unten, wo am meisten konkrete Formen und Linien vorhanden sind, und nicht nur Himmel, wie meistens oben.

Ich lese gerade das Buch Neuropsychologie der Zwangsstörungen von Norbert Kathmann​. Im letzten Kapitel wird dort auch auf das neuropsychologische Training eingegangen, was mit meinem Memory-Training vergleichbar wäre und meine Idee, durch solche Übungen meine zwanghaften Denkstrukturen aufzuweichen, bestätigt. In diesem Kapitel werden auch Techniken erwähnt, um den Kontrollzwang zu verkürzen bzw. die individuelle, evidente Erinnerbarkeit der Handlung zu erhöhen und das Kontrollbedürfnis zu reduzieren. Die im Buch erwähnten kompensatorischen Techniken durch sensorische Rückversicherungen und Verstärkung der körperlichen Präsenz in der jeweiligen Kontrollsituation hatte ich im Laufe der Jahre selbst entdeckt und konnte so meine Kontrollzwänge zeitlich verkürzen, nicht jedoch die damit verbundene enorme Anspannung abbauen. Auch die Stärken (Wahrnehmung von Details) und Schwächen (Wahrnehmung des Gesamteindrucks) in der andersartigen Gedächtnisleistung bzw. Einkodierungsstrategie von Zwangsbetroffenen fiel mir schon in der Schulzeit auf. Die neuropsychologischen Ergebnisse bestätigen meine empirischen Erfahrungen und Selbstbeobachtungen zu meiner andersartigen Herangehensweise, auch was den damaligen schulischen Lernstoff betrifft. Diese enorme Anspannung stelle ich zu meiner Verwunderung auch beim Memory-Training fest. Es kann also nicht nur Angst (vor Versagen etc.) sein, sondern ist eher allgemein ein Stressempfinden bei jeder Art von Anforderung. Ziel wäre es also, diese Anspannung mit den damit verbundenen körperlichen Stress-Symptomen abzubauen. ​
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

32

Samstag, 16. November 2013, 20:18

Zitat von »tpg«

wir müssen unsere einstellung dem gegeüber,
was die angst erzeugt ändern!

wenn wir uns nicht mehr ängstigen lassen,
ensteht keine anspannung.

ohne anspannung,
besteht kein drang zum zwang.

das heist das wir intensiv an dem,
was die angst auslösst arbeiten müssen und
unsere einstellung dem gegenüber ändern.

Quelle
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

33

Samstag, 16. November 2013, 23:38

Zitat von »mittelschicht«

Ich habe in den letzten paar Tagen die Erfahrung gemacht, dass man den Zwang mit einer schlichten, rationalen Denkstruktur mehr oder weniger ausschalten kann. Das mag jetzt erstmal provokant klingen, aber man kann die Angst vor der Konsequenz, mit der objektiven Wahrscheinlichkeit für ebendiese vergleichen.

Wenn man dann verstanden hat, dass man nicht außerordentlich schmutzig ist, wenn man den Müll rausgberacht hat, oder wenn man verstanden hat, dass der Herd, wenn man die Hand daraufhält und die Schalter jeweils einmal kontrolliert, nicht mehr angeht, kann man sich - wenn man das Verlangen zur Kontrolle ignoriert - einfach weiterhin mit dem Alltag beschäftigen. Als dieses - auf objektiver Logik basierende - Konzept vorgestern das erste mal funktionierte, war das ein sehr, sehr großes Erfolgserlebnis.


Quelle
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

34

Sonntag, 17. November 2013, 00:09

Das Hinausschieben und Vermeiden ist bei mir leider auch großer Bestandteil meines zwanghaften Verhaltens. Deshalb auch die Arbeitsblockaden.
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

35

Sonntag, 17. November 2013, 00:19

Lieben Gruß
Yezrel

Heartsease

Schüler

  • »Heartsease« ist weiblich

Beiträge: 65

Zwangssymptome: Angst anderen zu schaden,Wasch- und Kontrollzwänge

Medikament / Dosis: 60 mg Fluoxetin

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

Wohnort: Hamburg

  • Nachricht senden

36

Sonntag, 17. November 2013, 01:15

Die Tendenz bleibt da, aber ich merke auch, dass diese extreme, verkrampfte Kontrolle kein besseres Evidenzgefühl bringt und ich wieder von vorne anfangen muss.
Ich denke, diese Suche nach dem Evidenzgefühl ist ein (wenn nicht der) Motor des Zwanges. Wir haben es verloren und versuchen es durch alle möglichen Strategien wiederzuerlangen. Leider entschwindet es dadurch zumeist umso mehr.
Ich hatte starke Kontrollzwänge beim Verlassen des Hauses (Herd, Elektrogeräte etc.). Zuerst habe ich das Problem zu lösen versucht, indem ich mir eine Struktur schaffte (habe alle Geräte nach einer festgelegten Reihenfolge systematisch kontrolliert). Das reichte bald nicht mehr aus und ich begann alles auf unterschiedliche Arten zu kontrollieren. Auch versuchte ich es damit (ähnlich wie es wohl Dein Neffe vorgeschlagen hat) die Dinge "bewusst" und konzentriert zu kontrollieren, um mich später besser daran erinnern zu können. Das Ganze endete damit, dass ich viele Elektrogeräte gar nicht mehr (z.B.Bügeleisen, Föhn) oder nur noch abends (Herd) benutzte, für den Kontrollvorgang 2 1/2 Stunden brauchte, dabei völlig angespannt war und trotzdem während dieses Prozesses mindestens einmal in Tränen ausbrach, weil ich Angst hatte, es nicht zu schaffen und dann die Wohnung nicht verlassen zu "können". Ich starrte angestrengt auf die 0 auf dem Herdknopf bis sie anfing zu verschwimmen, ohne dass sich das Gefühl "ja er ist aus" einstellen wollte.
Paradoxerweise kehrte das Gefühl Schritt für Schritt zurück, je mehr ich meine Zwangshandlungen einschränkte und bereit war, die Unsicherheit darüber, ob wirklich alles aus ist, zuzulassen.
Ich fand einen Fachartikel von Anne Külz der Psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg i. Br. über die neuropsychologisch veränderte kognitive Wahrnehmung bei Zwängen.
Ich weiß nicht, ob wir den selben meinen. Ich beziehe mich auf diesen hier: http://www.zwaenge.ch/index/80/de/1/ .
Hier berichtet sie über kleinere kognitive Beeinträchtigungen bei Zwangserkrankten, schreibt aber auch: " ...Die lange Zeit diskutierte Gedächtnis-
Defizit-Hypothese, der zufolge Zwänge
aus einer tatsächlich oder vermeintlich
verminderten allgemeinen Gedächtnisleistung
resultierten, gilt daher heute im Wesentlichen
als entkräftet..."
und erwähnt eine Studie, in der die Angleichung der kognitiven Fähigkeiten nach einer Verhaltenstherapie, beobachtet wird.
Ich find es immer schwierig zu entscheiden, was Ursache und was Wirkung ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese kognitiven Beeinträchtigung (inklusive Gedächtnisleistungen) eher eine Folge des Zwangslebens sind. Haben denn Deine Quellen über eine positive Auswirkung von Gedächtnistraining auf Zwänge berichtet?

Gruß,
Heartsease

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

37

Sonntag, 17. November 2013, 02:41

Hey liebe Heartsease

Schön, dass Du auf meinen Beitrag eingehst und Dir Gedanken dazu machst. Freut mich! :)

Ja, ich beziehe mich auf den von Dir verlinkten Artikel von Anne Katrin Külz und das Buch "Störungsspezifische Behandlung der Zwangsstörungen", wo sie Mitautorin ist. Ich habe es auch so verstanden, dass diese neurologischen Abweichungen Begleiterscheinungen der Zwangsstörungen sind, ob nun von diesen ausgelöst oder selbstauslösend, ist noch nicht eindeutig erforscht, aber dass es durch die Therapie zu einer Angleichung an normale Denkmuster kommt, erscheint gesichert durch die Untersuchungen. Wobei es sich dabei - das will ich betonen - nicht um eine reduzierte Gedächtnisleistung handelt, sondern die Einkodierung der Informationen und Bildinhalte bei der Wahrnehmung Zwangskranker andere Schwerpunkte setzt (mehr detailfixiert).

In Norbert Kathmanns Buch "Neuropsychologie der Zwangsstörungen" wird aber dann klar von einem neuropsychologischen Training (Gedächtnistraining-Methoden zur Stärkung der Evidenz) im Schlusskapitel gesprochen. Doch stehen diese Therapiemethoden noch in den Kinderschuhen. Sie werden gerade neu entwickelt. Schon etablierte Programme sind das PC-basierte COGPACK und das Integrierte Psychologische Therapieprogramm (IPT) laut Kathmann (S. 76). Ich kenne diese Programme jedoch nicht selbst, aber es tut sich offenbar was in der Forschung von Zwängen.

Dann gibt es noch das Training der Aufmerksamkeitsfokussierung nach Ecker, das dem Tipp meines Neffen entspricht, wo die Handlungen möglichst bewusst und mit intensiver Körperpräsenz durchgeführt werden sollen, um die Erinnerbarkeit und damit die Evidenz zu stärken und zu vervollständigen. Tallis verknüpft dies mit dem Imaginieren eines bestimmten Bildes während der Handlung, um die Erinnerbarkeit und Evidenz der Handlung zu erhöhen und zu individualisieren. Weiter soll die abweichende Einkodierung trainiert werden mit Wörterlisten (Deckersbach) und visuellem Material (Buhlmann), wodurch die Einkodierung von Zwangskranken tatsächlich normalisiert werden kann (S. 77,78 in Kathmanns Buch).

Ich versuche, diese Erkenntnisse mit eigenen Übungen nachzumachen (Memory-Spiel, Vokabellernen, Tipp meines Neffen mit Hinweis auf bewusste Handlung und Logik, so wie ich auch die Expos nach Nicolas Hoffmann selbst durchführte.

Irgendwie müssen wir da rauskommen. Ich stecke auch sehr tief drin, bin deshalb sogar berentet, da arbeitsunfähig. Und doch muss ich so viel erledigen, hab Fristen einzuhalten, besonders diesen Monat. Dadurch erhöht sich natürlich auch der Druck, aber da muss ich jetzt einfach durch wie bei einer Expo. Eigentlich ist mein ganzes Leben laufend eine Exposition!
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

38

Sonntag, 17. November 2013, 03:12

Zitat von »Amelie«

Leben lässt sich nicht kontrollieren
Hallo, hier ein Kapitel aus einem wunderbaren Buch, das nichts mit Zwängen zu tun hat (oder indirekt, unter einem anderen Blickwinkel): Mit Erich Fromm die Liebe zum Leben entdecken
...
Im Vergleich mit der Ordnung, die es im nicht-lebendigen Bereich gibt, ist das, was lebt, "unordentlich". Wer ganz in der Erwartung einer Ordnung bestimmt ist (wobei "Ordnung" wohlgemerkt eine Kategorie des eigenen Geistes ist), so dass er eine Ordnung in allen Lebewesen erwartet, wird enttäuscht sein. Ist sein Verlangen nach Ordnung besonders intensiv, dann wird er gar versuchen, dem Leben Ordnung aufzuzwingen, um es besser beherrschen zu können. Stellt sich dann heraus, dass sich das Leben seiner Kontrolle nicht unterwirft, kann es zu einer solchen Wut und Enttäuschung kommen, dass er schließlich versucht, das Leben zu ersticken und zu töten. Er ist zu einem Lebenshasser geworden, weil er sich nicht von dem Zwang befreien konnte, es unter seine Kontrolle zu bekommen. Er scheiterte in seiner Liebe zum Leben, denn - wie ein französisches LIed sagt - "die Liebe ist ein Kind der Freiheit".
Das Gesagte gilt nicht nur hinsichtlich unserer Einstellung gegenüber dem Leben anderer, sondern auch gegenüber dem Leben in uns selbst. Wir alle kennen Menschen, denen es nie gelingt, spontan zu sein und sich frei zu fühlen, weil sie darauf bestehen müssen, ihre Gefühle, Gedanken und Handlungen zu kontrollieren. Sie können nichts tun, es sei denn, sie haben sich der Folgen ihres Tuns versichert. Immer sind sie von Zweifeln geplagt, suchen krampfhaft nach Sicherheit und werden noch mehr von Zweifeln geplagt, wenn sie diese Sicherheit nicht erlangen können. Menschen, die unter einem solchen zwanghaften Kontrollbedürfnis leiden, können freundlich oder grausam sein - immer aber muss eine Bedingung erfüllt sein: Der Gegenstand ihres Interesses muss kontrollierbar sein. Übersteigt das Kontrollbedürfnis ein bestimmtes Maß, spricht man davon, dass jemand unter einer Zwangsneurose und erheblichem Sadismus leidet*.
Solche Kennzeichnungen sind hilfreich, wenn es um die Klassifizierung von psychischen Erkrankungen geht. Bei einer anderen Betrachtungsweise könnte man auch davon sprechen, dass jemand an seiner Unfähigkeit leidet, das Leben zu lieben, und dass er Angst vor dem Leben hat, weil er sich vor allem fürchtet, was er nicht kontrollieren kann.
...
*man möge es dem Text verzeihen, er ist von 1967


Quelle
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

39

Sonntag, 17. November 2013, 03:26

Zitat von »MissLuna«

Ich habe es ja die letzten Tage schon ansatzweise geschafft nicht mehr so vieles zwanghaft zu machen aber wirklich gut fühle ich mich nicht dabei. Wird das nach einer gewissen Zeit besser wenn man sich mal etwas daran gewöhnt hat?
Doch muss ich auch noch sagen als ich die letzten Tage mal den einen oder anderen Zwang nicht ausgeführt habe ein klein wenig innere Befreiung habe ich dabei auch empfunden. Aber halt auch riesengroße Angst.


Quelle
Lieben Gruß
Yezrel

Yezrel

Fortgeschrittener

  • »Yezrel« ist weiblich
  • »Yezrel« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 219

Zwangssymptome: Zwangh. Persönlichkeit, Zwangh. Langsamkeit, Kontroll-/Zählzwang

Medikament / Dosis: keine

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

  • Nachricht senden

40

Sonntag, 17. November 2013, 04:07

Nur ist es so, dass der Zwang eine 100%ige Gewissheit fordert und sobald man also etwas zur Verhinderung der Katastrophe getan oder ein Argument zur Beruhigung gefunden hat, setzt der Scanprozess wieder ein und sucht nach Lücken- und er findet immer welche, auch wenn diese aus immer unwahrscheinlicheren Szenarien bestehen. Ähnlich einem festgefahrenem Rad im Matsch, das bei sich bei jedem Versuch erneut Gas zu geben tiefer und tiefer eingräbt, verankert sich der Zwang und mit ihm alle Emotionen mehr und mehr. Dabei ist dieses System ein sehr archaisches, unterbewusstes und rationalen Argumenten nur begrenzt zugänglich. Daher ist man sich häufig der Absurdität des ganzen wohl bewusst, kann sich gefühlsmäßig aber nicht lösen und die Gefühle suggerieren einen gewissen Realitätscharakter.
Lieben Gruß
Yezrel